Cabaret Voltaire - Blog von electroboy

Blog von Florian Burkhardt alias electroboy. Hier findest du Infos zu electroboy, Post-God und anderen Projekten wie auch mein Tagebuch, Texte und Produktempfehlungen.

Gedanken / Tagebuch – April 2014 (3. Teil)

<– April 2014 2. Teil

19.4.2014
Zurück zum Sinn des Lebens: Ich habe mir erlaubt, die Bedürfnispyramide von Maslow in Einzelteile zu zerpflücken und neu zu ordnen. Diese Reihenfolge präsentiere ich heute:
1. Nahrung, Erholung, Bewegung
2. Sicherheit (Staat, Wohnverhältnis)
3. Zugang zu Bildung und Informationen
4. Zuneigung
5. Soziale Anerkennung
6. Sinn
7. Individualität (wollen aber scheinbar nicht alle Menschen)
8. Liebe
Bemerkungen:
Die ersten drei Punkte gehen meines Erachtens nach unter Menschenrechte.
Maslow dachte, dass die Bedürfnisse eines Punktes befriedigt sein müssen, bis die nächsthöhere Stufe erreicht werden kann. Dies halte ich für nicht zwingend, denn ich kann z.B. auch soziale Anerkennung erfahren, ohne Zugang zu Bildung zu haben. Oder Individualität leben, ohne Zuneigung zu erfahren.
Liebe setze ich an die höchste Stelle. Ich verstehe darunter Eigenliebe und freie Liebe. Dies scheint mir ein höheres Gut zu sein als z.B. der Sinn des Lebens.
Denn der Sinn des Lebens erscheint mir einfach und unspektakulär im Anbetracht der Erwartungen, die man von ihm hat: Der Sinn besteht darin, bewusst im Hier und Jetzt anwesend zu sein durch Sinneswahrnehmungen und -erfahrungen, begleitet von Gedankenwanderungen. Das ist alles. Und das ist viel. Mehr als einem z.B. eine Religion bieten kann.
Was hat mir der Film über mein Leben persönlich gebracht? Durch das Interesse der Filmemacher an meiner Person habe ich Aufwind bekommen, Motivation, wieder Energie durch kreatives Arbeiten zu generieren. Dies war dringend nötig, denn ich steckte fest. Mein Geist war träge geworden. Ich meinte längere Zeit, dass es mir an Inputs fehle. Dann habe ich sie wieder im Alltag und in meinen Interessen entdeckt. In diesem Sinne wurde durch die Filmvorbereitungen und der damit verbundenen Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit die Inspiration aus mir selbst heraus wieder entfacht.
Heute fahren wir nach Hagen zur Familie meines Freundes. Es gibt weisse und grüne Spargeln mit Eiern. In dieser Familien-Sippe kann ich mich gut entspannen, weil ich eine eingespielte Situation besuche. Als Gast wohne ich einer perfekten, friedlichen Inszenierung bei und muss nichts beitragen. Manchmal fragen sie mich, wieso ich „heute“ so ruhig sei. Normalerweise bin ich der aktive Gesprächsleiter in der Gruppe, doch hier kann ich mich fallen lassen. Es ist wie schwimmen im Toten Meer. Man wird getragen, und Überraschungen gibt es keine.
Mein erster Agent in Los Angeles war ein breiter, grosser Schwarzer, der ein bisschen aussah wie Forest Whitaker. Als er mich das erste mal sah, fragte er, ob ich vom Mars komme. So sah für ihn also ein Ausserirdischer aus. Die Agentur führte er von seinem kleinen Häuschen aus. Wenn wir verabredet waren, wartete er vor dem Haus sitzend auf mich. Seine beste Freundin war eine reiche Produzentin. In ihrem BMW fuhren wir jeweils mit überhöhter „gottlosen“ Geschwindigkeit durchs nächtliche Los Angeles. Spätestens drei Wochen später wechselte ich dann zu einem Agenten in Studio City.
Mein Kopf ist gereizt. Voller Eindrücke und Gedanken. Irgendwie zu geladen. Unangenehm.
Ich gehe gerne in Hinterhöfe und Einfahrten, um mir Zigaretten anzuzünden. Ich nehme Deutschland als sehr windig war. Als ich noch eine Frisur hatte, hat mich das genervt.
Im Cafe sitzt keiner gerne mittendrin, wenn er alleine ist. Man sitzt lieber mit dem Rücken zur Wand. Heute habe ich mich in die Mitte des Lokals gesetzt. Es ist ein bisschen wie in einem Strudel. Die Geräusche und Energien greifen mich an und meine Seele wabbert. Aber ich bin stark. Wenns schlimm wäre, würde ich versuchen zu lachen.

Konzeptnotizen

Series A

Der Fokus liegt auf Gesichtern, schematisch, minimalistisch, reduziert, vereinfacht, mit viel Platz für Unausgesprochenes. Es wird etwas kreiert, was dem Auge des Schöpfers gefällt und durch spontanes Ausprobieren entstanden ist. Persönliche und intuitive Kreativität, Ausdruck einer Stimmung und einer Bewunderung für den Prozess der Entstehung.

Das Gesicht steht für mich und dich als Teil des Volumens der Menschheit, ein “Post-God”, der die Macht hat, als Konsumenten und Produzenten vieles zu verändern und korrigieren, angetrieben von der Aufklärung und der Reflektion.

Die Figuren haben keinen Mund, weil es in ihrer Welt mit Worten nichts zu sagen gibt, der Fokus liegt auf dem Handeln. Wie in der jungen Schönheit ist wenig persönlicher Charakter im Gesicht zu sehen, obwohl er da ist, nur nicht gemalt.

Das Zubehör gestaltet als Rahmen auf den Bildern die Figur. Das Styling ist Kommunikator: Die Frisur, die Kleidung, die Marke sind Visualisierungsverstärker der Person, die persönliche Auswahl ist Abbild der Individualität und Kreativität.

Series B

Der private Raum, den nie jemand anders betreten wird, von dem man selbst nur eine Ahnung hat, der kaum fassbar ist. Wo eine Mischung aus Rohzustand und Auswirkungen der neusten Erlebnisse herrschen. Einerseits eine unverdorbene, formbare Sehnsucht nach Nähe und Bestätigung, getragen von einem schamhaften, idealistischen und wertvollen Körper, in dem die lebensbejahende Potenz darauf wartet, alte und neue Wünsche auszuleben. Genährt vom Bedürfnis, gespürt zu werden. Andererseits die Ängste des (erwachsenen?) Kindes, die sogenannte Realität und deren Auswirkungen in die imaginäre Welt zu lassen und aus dem Raum zu treten, um ihn gezeichnet wieder zu betreten.

electroboy – Das Motiv

Ausschnitte aus meinem Tagebuch:

25.3.2014
Im Cafe denke ich gerne, arbeite Ideen aus, um sie dann zuhause am Computer umzusetzen. Die Atmosphäre, alleine nicht alleine zu sein, hilft mir beim Denken. Die Geräusche, die Kaffeemaschine, die Stimmen, der Betrieb; ein angenehmer Soundtrack zur Tätigkeit, Zeit mit produktiver Gehirnaktivität zu verbringen, um einen Teil des Tages zu gestalten, um aus dem Haus zu kommen, um mich nicht alleine zu fühlen.

28.3.2014
[…] alles wird transparenter, öffentlicher, verbreitet sich schneller.
Aber diese Breite mit endlosem Horizont macht vieles auch flacher. Die Eindrücke werden vielfältiger, so unfassbar, dass Einzelnes immer weniger hängenbleibt, hängenbleiben kann. Und schneller kommt Neues, die Verarbeitung und Reflektion wird abgebrochen, es entsteht wenig aus den Eindrücken. Aus den Informationen und Berichten wird reiner Konsum, Input ohne Output.
Grenzen können einem aber auch neue Wege zeigen. Zu mehr Kreativität auffordern. Bei Überfluss ist das Kleine wertlos und befriedigt nicht. Das Persönliche ist tendenziell nicht kaufbar und entsteht nicht zuletzt aus dem Ringen mit Grenzen.

30.3.2014
Ich mag meine Angststörungen. Weil sie mich verrückt machen? Oder weil sie eine Herausforderung sind? Oder weil sie in irgendein Konzept passen? Oder weil ich mich an sie gewöhnt habe? Ja, ich denke, ich habe mich daran gewöhnt, dass sie ein Teil von mir sind, etwas, das mich durchfliesst wie eine Art Flüssigkeit, etwas, das ich in den Griff kriegen kann, aber los werden kann ich es nicht.
[…] Sollte ich meine Zukunft planen? Mein Problem ist, dass ich inmer Vollgas gebe und dabei noch auf der Kupplung stehe. Das überhitzt (?) mich schnell. Deshalb muss ich meinen Blick kurz halten, was die Reichweite der Planungen angeht. Sonst werde ich manisch, plane immer grösser und weiter. Irgendwann steht dann die Karre überhitzt am Strassenrand. Das hat mir meine Vergangenheit nicht nur einmal gezeigt. Die Gegenwarten waren jeweils die Auslöser für Neues, ganz Unerwartetes, aus dem einen ergibt sich das nächste, wenn ich mich bewege, dann fliesse ich wie ein Fluss automatisch in die beste Richtung, denn die Integrität und neue Fragen weisen mir den Weg. Nur stillstehen sollte und will ich nicht, denn das werfe ich schon den anderen vor.

4.4.2014
Die “Oma” aus meiner Strasse erklärt den Kindern, wieso Menschen sterben müssen: Weil Menschen Platz machen müssen, damit neue Menschen Raum haben, denn sonst gäbe es Menschen wie Spargeln in der Dose und es wäre schrecklich eng. Wie wahr, liebe Oma. Aber so ist es auch mit der Kunst. “Alles” wurde schon gemacht, ausprobiert, definiert, angezweifelt, parodiert… und wir jetzt? Wir dürfen zitieren oder müssen uns anhören, dass eben jemand schon “was ähnliches” gemacht hat, was alles neue Kreative nichtig macht, wenn nicht sogar im Keim erstickt. Deshalb: Ich bin für ein Ablaufdatum, was Kunst angeht. Sonst bleibt uns ja nur der Remix. Und den Kommenden der Remix des Remixes. Kein Wunder, bleibt uns fast nur noch die Kunst des Konsums in der Überfülle und endlosen Konservierung der alten Güter, die nicht aus dem Regal genommen werden, weil, eben, ohne: Ablaufdatum (in unserem Kopf).

13.4.2014
Wieso mache ich mir so viele Gedanken über mich selbst? Zuerst dachte ich, dass ich eine narzistische Persönlichkeitsstörung habe. Aber zu vieles spricht dagegen. Vielleicht versuche ich durch mich die allgemeine Idee des Lebens zu verstehen. Eine aufwändige Selbststudie, eine dauerhafte Introspektion. Mit der Idee im Hintergrund, dass mein Leben in seiner Gesamtheit ein grosses, persönliches Kunstwerk ist. Jedes Leben.
[…] In menschenkritischen Phasen finde ich das Proletariat dumm, die Bourgeoisie langweilig (öde, bieder, beschränkt) und fühle mich zur Bohème hingezogen. Das Leben eines Bohémiens erlebe ich häufig als authentischer, eigenständiger, ursprünglicher und weniger entfremdet von den persönlichen Bedürfnissen. Wikipedia: “Die Motive und Hintergründe für einen solchen Lebensstil sind vielfältig. Der Wunsch, die bürgerlichen Werte und Normen, die als einschränkend erlebt werden, zu überwinden, oder der Wunsch nach Identitätsfindung, Selbstverwirklichung und kreativer Freiheit können ebenso eine Rolle spielen wie ein exzentrisches Wesen, jugendliche Auflehnung gegen die Elterngeneration, Entfremdungserfahrungen und Gesellschafts- oder Kulturkritik und natürlich die leidenschaftliche Hingabe an die Kunst, selbst wenn sie nicht zum Broterwerb reicht.”

14.4.2014
Ja, wir sind klein. Aber liegt daran nicht das Schöne, dass in dem Kleinen so viel Grosses steckt? Nämlich die ganze Welt. Wenn man im Flugzeug abhebt, sieht man, wie klein die Autos, Strassen und Städte werden. Wie klein die Welt ist, und wie gross man selbst darauf niederblickt.

16.4.2014
Wie kam es zum Namen „electroboy“? Die Party zu meinem 30. Geburtstag war eine öffentliche Veranstaltung und brauchte einen Namen. Da ich ein Fan bin von Namen, die auf den Inhalt der Sache eingehen, waren die zwei Begriffe „Electro“ und „Boy“ massgebend, denn es sollte eine Party mit elektronischer Musik und mit homosexuellem Publikum sein. Aus der ersten Party hat sich eine Partyreihe entwickelt und aus der schliesslich eigene Musik.
Mein Freund hat mich gestern Abend gefragt, wieso ich denn so viel Zeit ins Musizieren, Schreiben und Gestalten investiere, wo es doch niemanden interessiere. Vielleicht gerade deshalb. Ich denke, wenn meine Arbeiten auf breites Interesse stossen würden, würde mich das blockieren. Er investiert seine Zeit lieber in seine Karriere. Das ist okay und verständlich. Aber ich bin anders. Ich konnte mit Karrieredenken noch nie viel anfangen. Und ich behaupte, dass es mir egal ist, ob das jemand versteht.
Kreativität war schon immer mein Mittel, um aus dem einengenden Alltag auszubrechen. Man zieht in eine neue Stadt, hat eine neue Beziehung, aber bald ist wieder ein Alltag da. Das war als Model schön, da konnte kein Alltag eintreten, denn jeder Tag begann woanders und mit neuen Menschen.
Zur Motivation brauchte und brauche ich immer eine Publikationsplattform. Damals waren es (eigene) Zeitschriften, heute ist es das Internet, um meine Arbeiten zu publizieren. Ob sie gesehen werden oder nicht ist zweitrangig. Wobei ich scheinbar von Erfolg eingeschüchtert werde und auf neue Tätigkeiten ausweiche. Deshalb ist es vielleicht ganz fördernd für mich, dass die meisten meiner kreativen Arbeiten unbemerkt bleiben.
Das freie kreative Arbeiten ist mein Motor, der mich vorantreibt durchs Leben. Wenn ich diese Arbeit vernachlässige, was ich oft über längere Zeit getan habe, dann fehlt es mir an Lebensmotivation. Dann wird alles grau, als würde ich meinen Blick zu lange auf einen Punkt richten und mein Gehirn könnte den Rest nicht mehr zusammensetzen. Dann verschwimmt meine Sicht und ich werde matt.

17.4.2014
Ich setze mir gerne einen Rahmen in meiner kreativen Arbeit. Etwas Verbindendes. Bei der Gestaltung sind es Vektoren. Ich setze Gesichter in zweidimensionale Vektorräume ein, kontrastvoluminös schwarz-weiss. Ich mag es, wenn man ein Bild sofort aufnehmen kann in seiner Einfachheit und Reduziertheit.
Meine Psychiaterin erzählt mir heute, wieso ich dieses öffentliche Gedankentagebuch führe. Um mich mitteilen zu können. Denn im sozialen Leben bin ich eher wie ein Therapeut, der die anderen erzählen lässt. Und scheinbar mein eigenes Mitteilungsbedürfnis zu kurz kommt. Ist das nicht bei meinem ganzen kreativen Schaffen so? Ist die Hauptmotivation nicht, einen persönlichen, kontrollierten Output zu haben, um mehr von mir preiszugeben?

18.4.2014
Früher war es mein kreatives Konzept, Gewohntes mit ungewöhnlichen Elementen zu durchbrechen. Damit meine ich Alltägliches, dem ich etwas hinzufüge oder wegnehme und so vom Alltäglichen enthebe. Damit habe ich bezweckt, dass mein Gegenüber das Grundelement kennt und sich angesprochen fühlt. Zusätzlich wollte ich aber einen kleinen Verwirrungseffekt erzeugen, so dass man zweimal hinschauen und vielleicht auch kurz nachdenken muss.
Heute bin ich idealistischer geworden, indem ich meine persönlichen Lebensideen und -vorstellungen zum Thema mache. Ich verzichte weitgehend auf Provokation und Effekthascherei, um mein Anliegen persönlicher vortragen zu können.
Jedes Feuer braucht einen Energieträger, der verbrannt werden kann. Mein Holz ist der Alltag und meine privaten Interessen. Hin und wieder kommt auch unerwartete Inspiration aus dem Umfeld dazu.
Der „Phoenix“ ist eine starke Symbolfigur für mich und meine Arbeit. Er verbrennt, um aus seiner Asche neu aufzuerstehen. So habe ich es in meinem Leben schon mehrmals erlebt, dass aus dem Ende des einen etwas ganz anderes entspringt. Begünstigt hat dies, dass ich nie der Typ war, der sich an etwas „Altes“, „Bewährtes“ und „Bekanntes” geklammert hat.

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