Cabaret Voltaire - Blog von electroboy

Blog von Florian Burkhardt alias electroboy. Hier findest du Infos zu electroboy, Post-God und anderen Projekten wie auch mein Tagebuch, Texte und Produktempfehlungen.

Gedanken / Tagebuch – April 2014 (3. Teil)

<– April 2014 2. Teil

19.4.2014
Zurück zum Sinn des Lebens: Ich habe mir erlaubt, die Bedürfnispyramide von Maslow in Einzelteile zu zerpflücken und neu zu ordnen. Diese Reihenfolge präsentiere ich heute:
1. Nahrung, Erholung, Bewegung
2. Sicherheit (Staat, Wohnverhältnis)
3. Zugang zu Bildung und Informationen
4. Zuneigung
5. Soziale Anerkennung
6. Sinn
7. Individualität (wollen aber scheinbar nicht alle Menschen)
8. Liebe
Bemerkungen:
Die ersten drei Punkte gehen meines Erachtens nach unter Menschenrechte.
Maslow dachte, dass die Bedürfnisse eines Punktes befriedigt sein müssen, bis die nächsthöhere Stufe erreicht werden kann. Dies halte ich für nicht zwingend, denn ich kann z.B. auch soziale Anerkennung erfahren, ohne Zugang zu Bildung zu haben. Oder Individualität leben, ohne Zuneigung zu erfahren.
Liebe setze ich an die höchste Stelle. Ich verstehe darunter Eigenliebe und freie Liebe. Dies scheint mir ein höheres Gut zu sein als z.B. der Sinn des Lebens.
Denn der Sinn des Lebens erscheint mir einfach und unspektakulär im Anbetracht der Erwartungen, die man von ihm hat: Der Sinn besteht darin, bewusst im Hier und Jetzt anwesend zu sein durch Sinneswahrnehmungen und -erfahrungen, begleitet von Gedankenwanderungen. Das ist alles. Und das ist viel. Mehr als einem z.B. eine Religion bieten kann.
Was hat mir der Film über mein Leben persönlich gebracht? Durch das Interesse der Filmemacher an meiner Person habe ich Aufwind bekommen, Motivation, wieder Energie durch kreatives Arbeiten zu generieren. Dies war dringend nötig, denn ich steckte fest. Mein Geist war träge geworden. Ich meinte längere Zeit, dass es mir an Inputs fehle. Dann habe ich sie wieder im Alltag und in meinen Interessen entdeckt. In diesem Sinne wurde durch die Filmvorbereitungen und der damit verbundenen Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit die Inspiration aus mir selbst heraus wieder entfacht.
Heute fahren wir nach Hagen zur Familie meines Freundes. Es gibt weisse und grüne Spargeln mit Eiern. In dieser Familien-Sippe kann ich mich gut entspannen, weil ich eine eingespielte Situation besuche. Als Gast wohne ich einer perfekten, friedlichen Inszenierung bei und muss nichts beitragen. Manchmal fragen sie mich, wieso ich „heute“ so ruhig sei. Normalerweise bin ich der aktive Gesprächsleiter in der Gruppe, doch hier kann ich mich fallen lassen. Es ist wie schwimmen im Toten Meer. Man wird getragen, und Überraschungen gibt es keine.
Mein erster Agent in Los Angeles war ein breiter, grosser Schwarzer, der ein bisschen aussah wie Forest Whitaker. Als er mich das erste mal sah, fragte er, ob ich vom Mars komme. So sah für ihn also ein Ausserirdischer aus. Die Agentur führte er von seinem kleinen Häuschen aus. Wenn wir verabredet waren, wartete er vor dem Haus sitzend auf mich. Seine beste Freundin war eine reiche Produzentin. In ihrem BMW fuhren wir jeweils mit überhöhter „gottlosen“ Geschwindigkeit durchs nächtliche Los Angeles. Spätestens drei Wochen später wechselte ich dann zu einem Agenten in Studio City.
Mein Kopf ist gereizt. Voller Eindrücke und Gedanken. Irgendwie zu geladen. Unangenehm.
Ich gehe gerne in Hinterhöfe und Einfahrten, um mir Zigaretten anzuzünden. Ich nehme Deutschland als sehr windig war. Als ich noch eine Frisur hatte, hat mich das genervt.
Im Cafe sitzt keiner gerne mittendrin, wenn er alleine ist. Man sitzt lieber mit dem Rücken zur Wand. Heute habe ich mich in die Mitte des Lokals gesetzt. Es ist ein bisschen wie in einem Strudel. Die Geräusche und Energien greifen mich an und meine Seele wabbert. Aber ich bin stark. Wenns schlimm wäre, würde ich versuchen zu lachen.
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20.4.2014
Früher fanden mich alle schön. Jetzt finden sie mich interessant. Vielleicht ist das besser. Trotzdem fällt es mir manchmal schwer, dem optischen Zerfall zuzusehen. Nicht nur bei mir. Ich bin visuell sehr auf jugendliche Schönheit fixiert. Auch ältere Menschen können schön sein in meinen Augen, aber es ist nicht dasselbe. Ich mag den Zustand vor der Zeichnung. Es ist wie ein wunderschönes Blatt Papier, das noch nicht bemalt wurde (obwohl das natürlich trügt, Kindheit und Jugend prägen ja scheinbar mehr als alles darauf folgende).
In Milano hat eine Reporterin vom „Blick“ den Designer von Moschino gefragt, wieso er mich gebucht habe. Er antwortete: „Weil Florian speziell ist.“ Damit konnte sie nicht viel anfangen. Vielleicht dachte sie, es geht bei Models nur darum, dass sie hübsch sind. Später hat ihr mein schweizer Agent eine gescheuert, weil er sie bescheuert fand. Daraufhin ist sie abgereist.
Dieses Unwohlsein fern von zuhause und in Gruppen ist sehr schwächend und verwirrend. Es ist eine seelische Übelkeit, die im Magen brodelt und im Kopf tickt.
Ich habe Mühe, mich berühren zu lassen. Vielleicht, weil ich dann Kontrolle abgeben muss. Und schon sind wir wieder bei der Kontrolle. Es geht um Vertrauen. Wieso vertraue ich den Menschen nicht? Ich traue ihnen nicht zu, dass sie die Grenzen nicht überschreiten. Ich brauche Nähe, aber mit Abstand. Damit ich mich noch frei genug bewegen kann.
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21.4.2014
Der Regisseur von “electroboy” interpretiert Foto- und Telegenität ganz anders als ich. Ich denke dabei an visuelle Attraktivität, er denkt an Geschichten, die ein Gesicht erzählt. Er antwortet mir auf meine Frage, ob ich telegen sei, dass mein Gesicht diesbezüglich nicht interessant auf der Leinwand wirke, aber zu einer Figur gehöre, die man durch die Aktion von Erzählung und Gestik “spannend” findet.
Ein Tag der dramatischen Gedanken:
Ich liebe mich selbst. Aber ich kann nicht verstehen, wieso mich andere lieben. Wieso? Weil ich abweisend bin.
Habe ich Angst vor der Echtheit der Dinge? Liebe ich die Menschen deshalb mehr in der Vorstellung?
Habe ich Angst vor Emotionen?
Ein Bekannter sagt, dass er das Gefühl hat, dass ich für mich alleine lebe. Dieser Gedanke macht mich traurig. Ich bin einsam, weil ich das Gefühl habe, dass mich keiner versteht. Und aus der Not heraus gebe ich mich mit mir selbst zufrieden? Er sagt: “Du wirkst so echt und erfrischend und ich will den Luftzug ganz einatmen.” Es ist vielleicht einfacher, “echt” zu sein, wenn man sich isoliert.
Ein anderer Bekannter schreibt: „Ich glaube, das Spannende an dir oder deinem Gesicht ist, dass man es rein äusserlich schwer einschätzen kann.” Also eine Projektionsfläche? Der Regisseur sagt dazu: “Nicht als ruhendes Gesicht. Du musst etwas tun, um Wirkung zu entfalten.” Ist mein Gesicht zu wenig gezeichnet? Zu wenig entspannt? Zu wenig offen? Ist es eine neutrale, schützende Maske?
Der Penis ist für mich ein Symbol von Intimität. Wer mir ein Foto von seinem Penis schickt, der will sich mir offenbaren, oder er ist abgefuckt. Was ok ist. Halt abgefuckt.
Manchmal habe ich Lust darauf, im Nirgendwo in einem Häuschen all die Täuschungen abzustreifen, die mich in der Stadt ablenken und besänftigen.
Ich sitze rauchend im Sessel und beobachte, wie sich sein Gesicht auflöst, als ihm der Typ einen bläst. Dann schaue ich aus dem Fenster hinaus und lächle.
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22.4.2014
Mehr zum Sinn des Lebens: Es lebe der Kreislauf. Unsere Aufgabe ist es wohl, die Erde für die Kommenden gut aufzubereiten. Sie fruchtbar zu halten. Zu sähen, damit die ernten können. Klingt kitschig, ist aber so. Ist das nicht Motiv genug? Diese Aufgabe zu erfüllen, reicht das nicht? Was will man mehr? König sein, sexy und wahnsinnig reich sein, um eine berühmte Leiche zu werden und ein grosses Grab zu kriegen?
Wie Thomas Buddenbrook es denkt: „Wer, was, wie könnte ich sein, wenn ich nicht ich wäre, wenn diese meine persönliche Erscheinung mich nicht abschlösse und mein Bewusstsein von dem aller derer trennte, die nicht ich sind!“
Transzendenz“ nennt man den Bereich des Seienden ausserhalb der möglichen Erfahrungen und normalen Sinneswahrnehmungen. Philosophen haben dafür Kategorien, sogenannte Transzendentalien geschaffen: Seiendes, Einheit, Wahrheit, Gutheit, Wesen, Andersheit, Schönheit. Daran erinnert auch die „Idee des Guten“ von Platon: Das Gute in seiner Vollkommenheit. Ein Mensch sei (relativ) gut, wenn und solange sich die Idee des Guten in ihm abbildet. Es geht um ein Ordnungsprinzip, das die Vielheit strukturiert und damit (soweit möglich) in der Vielheit Einheit verwirklicht. Es wirke der Tendenz der vielen Einzeldinge zur Zerstreuung ins Grenzenlose und Unbestimmte entgegen.
Ich nenne das Mitverantwortung des einzelnen, das Post-God-Sein. Jeder trägt zum Ganzen bei, indem er handelt, wie Kant es formuliert: „Handle nur nach derjenigen Maxime [Prinzip], durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Ich als Post-God: Ich bin kein Hippie, kein Alternativer, kein Weltverbesserer. Ich trage Mitverantwortung als mein Sinn des Lebens nicht zur Schau. Es ist nicht mein Job und es ist auch nicht meine Religion. Es ist normal und natürlich. Dass hinter einem Produkt das Gesicht der Welt steht. Nicht mehr ein konkretes mit einem Namen, aber ein kollektives. Ein “Über-Ich“ Version 2. Dessen Teil der Konsument selbst ist. Das macht ihn indirekt zum Mitproduzenten.
Frage: Ist das Gedöns um Mitverantwortung und bewussten Konsum stylisch? Modisch? Cool? Eine Art, sich oberflächlich besser zu fühlen als Konsument? Eine Mitleidsaktion? Wer will das wissen? Ein Kritiker? Ein Bewunderer? Gegenfrage: Kann so etwas Elementares wie Reflektion Mode sein? Und ja, Mitverantwortung ist stylisch.
Ich schreibe hier Briefe an mich selbst. Denn ich gehe davon aus, dass dies ausser mir keiner liest.
Randnotiz: Es sind Kommunalwahlen in Bochum. Die Plakate in Ehrenfeld verheissen nichts Gutes. Sie zeigen nur Gesichter. Und was für welche. Für die Grünen ist es die alte Lesbe, die das Cafe geführt hat, das ich oft besuche. Über sie weiss ich zu viel, um ihr irgend eine Aufgabe anzuvertrauen. Dann ein alter superfetter Typ für die SPD, ein schielender Mann mit mittelalterlichem Pagenschnitt für die CDU. Der einzige, der nicht total daneben aussieht ist lustigerweise von der FDP (ein erschöpft aussehender Bürogummi mit süffisantem Grinsen). Vielleicht haut das mit den Gesichtern nicht so hin. Ich will nicht diese Fressen sehen, ich will wissen, wie diese Menschen konkret Ehrenfeld optimieren wollen.
Was macht der Deutsche, wenn er gut drauf ist? Er lästert über die Schweizer “Tatort”-Folge. Und die geistig Behinderten unter ihnen meinen, man solle lieber die Nummernkonten der Schweizer Banken thematisieren. Das denkt die Welt auch über deutsche Filme: Erzählt mal von eurem Nationalsozialismus.
Irgendwann muss es raus: Ich bin gerne in Deutschland, aber Deutsche finde ich unglaublich unsexy. Deshalb mag ich Berlin Mitte so sehr, da kommt die Welt zusammen und mischt das Deutsche auf.

23.4.2014
Gibt es einen Unterschied zwischen Körper und Seele? Ja, die Seele ist ein Produkt des Körpers (Gehirn). Bedingen sie sich gegenseitig? Nein, der Körper kann künstlich erhalten werden im Koma oder bei Gehirntod. Die Seele ist unser Produkt und wir können sie aktiv gestalten. Sie fördern durch Informationserweiterung und Reflektion. Mit dem Wissen, dass der Sinn des Lebens im Hier und Jetzt liegt.
Ich hätte gerne eine kleine menschliche Sonne in meinem Leben. Eine Person, die mir vorlebt, wie sehr man die Kleinigkeiten des Lebens geniessen kann. Ich bin da nicht sehr begabt, oder habe es verlernt.
Ich überlege: Wenn ich die Möglichkeit hätte, in der Zeit zurückzureisen, würde ich meine Eltern vor dem Umfall warnen, der den Tod meines Bruders verursacht hat, was wiederum meine Zeugung zur Folge hatte? Meine erste Antwort: Ja. Doch da würde ich aufhören zu existieren. Dann werde ich unsicher. Ich liebe mein Leben. Würde ich sein Leben retten, um meines herzugeben? Trotzdem, ich glaube, dass ich es tun würde. Es würde nicht wehtun, denn ich würde nicht existieren.
Kleine Gedanken: Ich darf nicht zu viel gleichzeitig machen. Das überanstrengt mich. Heute morgen tat mir das Atmen irgendwie weh. Ich glaube, dass ich mir in manchem selbst im Weg stehe. Ich sollte mich bewusster entspannen, das besänftigt die Ängste. Ich sollte den Alltag auflockern, verrückte kleine Sachen einflechten, um aus dem gewohnten Ablauf auszubrechen. Vielleicht wäre das ein schönes kleines Projekt: Jeden Tag etwas leicht anders machen.
Ich bin begeistert: In der Bochumer Innenstadt hat ein grosser Bio-Supermarkt mit Bio-Bäckerei aufgemacht. Und Rewe hat die Bio-Produktreihe erweitert.
Modisch zu sein bedeutet scheinbar, die Ideen von vorgestern zu tragen. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso sich vorallem jene für Mode interessieren und sogar “Modeblogs” betreiben, die sich in meinen Augen unglaublich billig, phantasielos und langweilig kleiden. Ob etwas in Mode ist, habe ich mir ehrlich gesagt noch nie überlegt, weil es kein positives Kriterium für mich ist. Ich trage eine runde Brille aus Lust. Und muss mir anhören, dass ich damit Trendsetter oder Avantgardist oder was auch immer sei, was wirklich lächerlich ist. Genau so absurd wie die Behauptung, ich habe Underground-Parties in einem politischen Rahmen gemacht. Ich mache und trage, was mir gefällt. Und das Umfeld steckt es dann in Schubladen. Manchmal auch in die unterste, z.B. meine Musik.
Ein Berliner Freund schreibt: „Bin vorhin am Voss [meinem alten Stammcafe in Berlin] vorbeigelaufen. Hatte gehofft dich dort zu sehen.”

Konzeptnotizen

Series A

Der Fokus liegt auf Gesichtern, schematisch, minimalistisch, reduziert, vereinfacht, mit viel Platz für Unausgesprochenes. Es wird etwas kreiert, was dem Auge des Schöpfers gefällt und durch spontanes Ausprobieren entstanden ist. Persönliche und intuitive Kreativität, Ausdruck einer Stimmung und einer Bewunderung für den Prozess der Entstehung.

Das Gesicht steht für mich und dich als Teil des Volumens der Menschheit, ein “Post-God”, der die Macht hat, als Konsumenten und Produzenten vieles zu verändern und korrigieren, angetrieben von der Aufklärung und der Reflektion.

Die Figuren haben keinen Mund, weil es in ihrer Welt mit Worten nichts zu sagen gibt, der Fokus liegt auf dem Handeln. Wie in der jungen Schönheit ist wenig persönlicher Charakter im Gesicht zu sehen, obwohl er da ist, nur nicht gemalt.

Das Zubehör gestaltet als Rahmen auf den Bildern die Figur. Das Styling ist Kommunikator: Die Frisur, die Kleidung, die Marke sind Visualisierungsverstärker der Person, die persönliche Auswahl ist Abbild der Individualität und Kreativität.

Series B

Der private Raum, den nie jemand anders betreten wird, von dem man selbst nur eine Ahnung hat, der kaum fassbar ist. Wo eine Mischung aus Rohzustand und Auswirkungen der neusten Erlebnisse herrschen. Einerseits eine unverdorbene, formbare Sehnsucht nach Nähe und Bestätigung, getragen von einem schamhaften, idealistischen und wertvollen Körper, in dem die lebensbejahende Potenz darauf wartet, alte und neue Wünsche auszuleben. Genährt vom Bedürfnis, gespürt zu werden. Andererseits die Ängste des (erwachsenen?) Kindes, die sogenannte Realität und deren Auswirkungen in die imaginäre Welt zu lassen und aus dem Raum zu treten, um ihn gezeichnet wieder zu betreten.

electroboy – Das Motiv

Ausschnitte aus meinem Tagebuch:

25.3.2014
Im Cafe denke ich gerne, arbeite Ideen aus, um sie dann zuhause am Computer umzusetzen. Die Atmosphäre, alleine nicht alleine zu sein, hilft mir beim Denken. Die Geräusche, die Kaffeemaschine, die Stimmen, der Betrieb; ein angenehmer Soundtrack zur Tätigkeit, Zeit mit produktiver Gehirnaktivität zu verbringen, um einen Teil des Tages zu gestalten, um aus dem Haus zu kommen, um mich nicht alleine zu fühlen.

28.3.2014
[…] alles wird transparenter, öffentlicher, verbreitet sich schneller.
Aber diese Breite mit endlosem Horizont macht vieles auch flacher. Die Eindrücke werden vielfältiger, so unfassbar, dass Einzelnes immer weniger hängenbleibt, hängenbleiben kann. Und schneller kommt Neues, die Verarbeitung und Reflektion wird abgebrochen, es entsteht wenig aus den Eindrücken. Aus den Informationen und Berichten wird reiner Konsum, Input ohne Output.
Grenzen können einem aber auch neue Wege zeigen. Zu mehr Kreativität auffordern. Bei Überfluss ist das Kleine wertlos und befriedigt nicht. Das Persönliche ist tendenziell nicht kaufbar und entsteht nicht zuletzt aus dem Ringen mit Grenzen.

30.3.2014
Ich mag meine Angststörungen. Weil sie mich verrückt machen? Oder weil sie eine Herausforderung sind? Oder weil sie in irgendein Konzept passen? Oder weil ich mich an sie gewöhnt habe? Ja, ich denke, ich habe mich daran gewöhnt, dass sie ein Teil von mir sind, etwas, das mich durchfliesst wie eine Art Flüssigkeit, etwas, das ich in den Griff kriegen kann, aber los werden kann ich es nicht.
[…] Sollte ich meine Zukunft planen? Mein Problem ist, dass ich inmer Vollgas gebe und dabei noch auf der Kupplung stehe. Das überhitzt (?) mich schnell. Deshalb muss ich meinen Blick kurz halten, was die Reichweite der Planungen angeht. Sonst werde ich manisch, plane immer grösser und weiter. Irgendwann steht dann die Karre überhitzt am Strassenrand. Das hat mir meine Vergangenheit nicht nur einmal gezeigt. Die Gegenwarten waren jeweils die Auslöser für Neues, ganz Unerwartetes, aus dem einen ergibt sich das nächste, wenn ich mich bewege, dann fliesse ich wie ein Fluss automatisch in die beste Richtung, denn die Integrität und neue Fragen weisen mir den Weg. Nur stillstehen sollte und will ich nicht, denn das werfe ich schon den anderen vor.

4.4.2014
Die “Oma” aus meiner Strasse erklärt den Kindern, wieso Menschen sterben müssen: Weil Menschen Platz machen müssen, damit neue Menschen Raum haben, denn sonst gäbe es Menschen wie Spargeln in der Dose und es wäre schrecklich eng. Wie wahr, liebe Oma. Aber so ist es auch mit der Kunst. “Alles” wurde schon gemacht, ausprobiert, definiert, angezweifelt, parodiert… und wir jetzt? Wir dürfen zitieren oder müssen uns anhören, dass eben jemand schon “was ähnliches” gemacht hat, was alles neue Kreative nichtig macht, wenn nicht sogar im Keim erstickt. Deshalb: Ich bin für ein Ablaufdatum, was Kunst angeht. Sonst bleibt uns ja nur der Remix. Und den Kommenden der Remix des Remixes. Kein Wunder, bleibt uns fast nur noch die Kunst des Konsums in der Überfülle und endlosen Konservierung der alten Güter, die nicht aus dem Regal genommen werden, weil, eben, ohne: Ablaufdatum (in unserem Kopf).

13.4.2014
Wieso mache ich mir so viele Gedanken über mich selbst? Zuerst dachte ich, dass ich eine narzistische Persönlichkeitsstörung habe. Aber zu vieles spricht dagegen. Vielleicht versuche ich durch mich die allgemeine Idee des Lebens zu verstehen. Eine aufwändige Selbststudie, eine dauerhafte Introspektion. Mit der Idee im Hintergrund, dass mein Leben in seiner Gesamtheit ein grosses, persönliches Kunstwerk ist. Jedes Leben.
[…] In menschenkritischen Phasen finde ich das Proletariat dumm, die Bourgeoisie langweilig (öde, bieder, beschränkt) und fühle mich zur Bohème hingezogen. Das Leben eines Bohémiens erlebe ich häufig als authentischer, eigenständiger, ursprünglicher und weniger entfremdet von den persönlichen Bedürfnissen. Wikipedia: “Die Motive und Hintergründe für einen solchen Lebensstil sind vielfältig. Der Wunsch, die bürgerlichen Werte und Normen, die als einschränkend erlebt werden, zu überwinden, oder der Wunsch nach Identitätsfindung, Selbstverwirklichung und kreativer Freiheit können ebenso eine Rolle spielen wie ein exzentrisches Wesen, jugendliche Auflehnung gegen die Elterngeneration, Entfremdungserfahrungen und Gesellschafts- oder Kulturkritik und natürlich die leidenschaftliche Hingabe an die Kunst, selbst wenn sie nicht zum Broterwerb reicht.”

14.4.2014
Ja, wir sind klein. Aber liegt daran nicht das Schöne, dass in dem Kleinen so viel Grosses steckt? Nämlich die ganze Welt. Wenn man im Flugzeug abhebt, sieht man, wie klein die Autos, Strassen und Städte werden. Wie klein die Welt ist, und wie gross man selbst darauf niederblickt.

16.4.2014
Wie kam es zum Namen „electroboy“? Die Party zu meinem 30. Geburtstag war eine öffentliche Veranstaltung und brauchte einen Namen. Da ich ein Fan bin von Namen, die auf den Inhalt der Sache eingehen, waren die zwei Begriffe „Electro“ und „Boy“ massgebend, denn es sollte eine Party mit elektronischer Musik und mit homosexuellem Publikum sein. Aus der ersten Party hat sich eine Partyreihe entwickelt und aus der schliesslich eigene Musik.
Mein Freund hat mich gestern Abend gefragt, wieso ich denn so viel Zeit ins Musizieren, Schreiben und Gestalten investiere, wo es doch niemanden interessiere. Vielleicht gerade deshalb. Ich denke, wenn meine Arbeiten auf breites Interesse stossen würden, würde mich das blockieren. Er investiert seine Zeit lieber in seine Karriere. Das ist okay und verständlich. Aber ich bin anders. Ich konnte mit Karrieredenken noch nie viel anfangen. Und ich behaupte, dass es mir egal ist, ob das jemand versteht.
Kreativität war schon immer mein Mittel, um aus dem einengenden Alltag auszubrechen. Man zieht in eine neue Stadt, hat eine neue Beziehung, aber bald ist wieder ein Alltag da. Das war als Model schön, da konnte kein Alltag eintreten, denn jeder Tag begann woanders und mit neuen Menschen.
Zur Motivation brauchte und brauche ich immer eine Publikationsplattform. Damals waren es (eigene) Zeitschriften, heute ist es das Internet, um meine Arbeiten zu publizieren. Ob sie gesehen werden oder nicht ist zweitrangig. Wobei ich scheinbar von Erfolg eingeschüchtert werde und auf neue Tätigkeiten ausweiche. Deshalb ist es vielleicht ganz fördernd für mich, dass die meisten meiner kreativen Arbeiten unbemerkt bleiben.
Das freie kreative Arbeiten ist mein Motor, der mich vorantreibt durchs Leben. Wenn ich diese Arbeit vernachlässige, was ich oft über längere Zeit getan habe, dann fehlt es mir an Lebensmotivation. Dann wird alles grau, als würde ich meinen Blick zu lange auf einen Punkt richten und mein Gehirn könnte den Rest nicht mehr zusammensetzen. Dann verschwimmt meine Sicht und ich werde matt.

17.4.2014
Ich setze mir gerne einen Rahmen in meiner kreativen Arbeit. Etwas Verbindendes. Bei der Gestaltung sind es Vektoren. Ich setze Gesichter in zweidimensionale Vektorräume ein, kontrastvoluminös schwarz-weiss. Ich mag es, wenn man ein Bild sofort aufnehmen kann in seiner Einfachheit und Reduziertheit.
Meine Psychiaterin erzählt mir heute, wieso ich dieses öffentliche Gedankentagebuch führe. Um mich mitteilen zu können. Denn im sozialen Leben bin ich eher wie ein Therapeut, der die anderen erzählen lässt. Und scheinbar mein eigenes Mitteilungsbedürfnis zu kurz kommt. Ist das nicht bei meinem ganzen kreativen Schaffen so? Ist die Hauptmotivation nicht, einen persönlichen, kontrollierten Output zu haben, um mehr von mir preiszugeben?

18.4.2014
Früher war es mein kreatives Konzept, Gewohntes mit ungewöhnlichen Elementen zu durchbrechen. Damit meine ich Alltägliches, dem ich etwas hinzufüge oder wegnehme und so vom Alltäglichen enthebe. Damit habe ich bezweckt, dass mein Gegenüber das Grundelement kennt und sich angesprochen fühlt. Zusätzlich wollte ich aber einen kleinen Verwirrungseffekt erzeugen, so dass man zweimal hinschauen und vielleicht auch kurz nachdenken muss.
Heute bin ich idealistischer geworden, indem ich meine persönlichen Lebensideen und -vorstellungen zum Thema mache. Ich verzichte weitgehend auf Provokation und Effekthascherei, um mein Anliegen persönlicher vortragen zu können.
Jedes Feuer braucht einen Energieträger, der verbrannt werden kann. Mein Holz ist der Alltag und meine privaten Interessen. Hin und wieder kommt auch unerwartete Inspiration aus dem Umfeld dazu.
Der „Phoenix“ ist eine starke Symbolfigur für mich und meine Arbeit. Er verbrennt, um aus seiner Asche neu aufzuerstehen. So habe ich es in meinem Leben schon mehrmals erlebt, dass aus dem Ende des einen etwas ganz anderes entspringt. Begünstigt hat dies, dass ich nie der Typ war, der sich an etwas „Altes“, „Bewährtes“ und „Bekanntes” geklammert hat.

23.4.2014
Modisch zu sein bedeutet scheinbar, die Ideen von vorgestern zu tragen. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso sich vorallem jene für Mode interessieren und sogar “Modeblogs” betreiben, die sich in meinen Augen unglaublich billig, phantasielos und langweilig kleiden. Ob etwas in Mode ist, habe ich mir ehrlich gesagt noch nie überlegt, weil es kein positives Kriterium für mich ist. Ich trage eine runde Brille aus Lust. Und muss mir anhören, dass ich damit Trendsetter oder Avantgardist oder was auch immer sei, was wirklich lächerlich ist. Genau so absurd wie die Behauptung, ich habe Underground-Parties in einem politischen Rahmen gemacht. Ich mache und trage, was mir gefällt. Und das Umfeld steckt es dann in Schubladen. Manchmal auch in die unterste, z.B. meine Musik.

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