Herbert Braun, Beschnitt: Person B

Dada und sein Vater

Dada bis heute

aus  

Im Dadaismus erreichte die Moderne ihren Höhepunkt: die künstlerischen Mittel wurden ins Unendliche erweitert. Bewußt wurde mit der Sinnlosigkeit, mit der Häßlichkeit gearbeitet; weit vorpreschend, steckten die Dadaisten einen riesigen Rahmen möglicher Kunstformen, den zu sprengen uns bis heute nicht gelungen ist, den zu sprengen vielleicht nie gelingen kann, da eben potentiell alles Kunst ist, was für die Kunst die sehr gefährliche Situation schafft, daß ja alles schon einmal dagewesen ist und daß andererseits dadurch die Wahl der künstlerischen Ausdrucksmittel fast beliebig geworden ist, weil es eben keine klare Richtung mehr "nach vorne" gibt (wie eben die Richtung zur Abstraktion die dominierende Richtung um 1900 war). Es wird somit immer schwerer festzustellen, was zeitgemäße Kunst ist, was Kunst überhaupt ist (während das traditionelle Problem progressiver, den Rahmen sprengender Kunst war, von den Rezipienten ernst genommen zu werden). Der Dadaismus hat uns das Problem des "anything goes" hinterlassen: wenn man ein Pissoir1 zur Kunst erklären kann, kann man alles zur Kunst erklären, es kommt nicht mehr auf den Gegenstand, sondern nur noch auf die Wahrnehmungsweise an. Zu sagen, daß alles Kunst ist, ist aber dasselbe, als zu sagen, daß nichts Kunst ist. Die Kunst schaltet sich selbst aus, die eigentliche Leistung wird dem Rezipienten aufgebürdet.

Damit ist bereits alles gesagt zur Aktualität des Dadaismus. Es war dies die erstmalige Benennung und Darstellung der Probleme der Gegenwart, wie wir sie bis heute nicht gelöst haben: worauf können wir bauen, wenn wir uns nicht an Gott, den Staat, das Gute, die Vernunft halten können? Ist der einzig positive Wert im Leben dessen Steigerung ins Unendliche, der Lebensrausch? Hat die sinnlose Welt eine immanente Struktur als Ersatz für den Sinn oder ist sie das blanke Chaos? Und wozu ist eigentlich Kunst gut, wenn sie nicht mehr "schön" ist? Die Radikalität im Neuverständnis des Kunstwerks hat in eine Sackgasse geführt: durch das Fehlen eines kohärenten Weltverständnisses hat sich der Künstler von seinem Publikum entfremdet, seine Kunst wirkt unverständlich2 – ein Problem, das in neuerer Zeit im Gefolge der Diskussion über die Postmoderne verstärkt aufgegriffen wurde. Diese vielleicht etwas überspitzten Überlegungen waren der Grund für meine Fragestellung. Im Dadaismus ist ein bestimmter Punkt erreicht, über den wir bis heute im wesentlichen nicht hinaus sind – da der Dadaismus als historische Bewegung aber ziemlich kurzlebig war und spätestens Mitte der zwanziger Jahre Geschichte war, drängt sich die Frage auf, wie die dadaistischen Künstler selbst das Problem gelöst, verdrängt, umgangen haben: wie ist künstlerisches Schaffen nach dem Dadaismus möglich?

Was war Dada?

"spontan-kreative, avantgardistische, antikonventionelle Kunst"

1. anarchisch-spontane Lebensfreude 2. Aggressivität gegen (bürgerliche) Bequemlichkeiten 3. eine fast romantisch zu nennende Selbstironie in der Bewußtheit des fließenden Charakters der Welt, womit dem Fatalismus ebenso begegnet werden konnte wie anderen Auswüchsen.

In der Forschung ist mehrfach der Gedanke aufgetaucht, daß der Dadaismus gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner von ziemlich verschiedenen Künstlern war, und daß dieses Gemeinsame die Negation war (des Krieges, des Bürgertums, des Rationalismus, der Kunst etc.) – wie ja auch jede Darstellung des Dadaismus zuerst einmal die negativen Aspekte aufzeigt und dazu auch gewöhnlich viel mehr findet als bei den positiven. In diesem Verständnis wäre der Dadaismus (bewußt oder nicht) eine Übergangsphase für die Künstler, die individuell und über den Dadaismus hinausweisend positive Gedanken zunehmend vertreten, die in sehr verschiedene Richtungen führten.

Was machte Dada?

1. Man übte Kritik am Begriff des Symbols und setzte ihm für Ironie aufgeschlossenere Begriffe wie "Konkretion", "Konstellation", "Analogie" entgegen; 2. der Zufall, das Realitätsfragment wurde bewußt integriert; 3. die Vergänglichkeit des eigenen Werks wurde im Gegensatz zu musealer Konservation bewußt in Kauf genommen; 4. der Dadaismus nahm eine ambivalente Haltung zur Wirklichkeit der Gegenwart ein, indem er sich zwar einerseits gegen Utopien äußerte, aber andererseits u.a. durch die Vorliebe für die Banalität des Antifunktionalen eine magische, transrationale Dimension über der Wirklichkeit errichtete; 5. dadaistische Kunst war auf die Öffentlichkeit ausgerichtet und auf den Moment der Wirkung hin konzipiert, typische Manifestationen waren Plakate, Aufführungen usw., die den Rezipienten unmittelbar provozierten; 6. durch Verfahren wie der Collage sollte das Genie entthront und die Kunst für jeden verfügbar werden, wie auch die Kunst selbst der Realität eindeutig nachgeordnet ist (und diese nun auch direkt ins Kunstwerk eingeht); 7. Kunsterfahrung ist rein subjektiv, eine Hierarchisierung nicht möglich, Kunstkritik obsolet.

Dada und Dadaismus

Man sollte "Dada" vom "Dadaismus" unterscheiden: während letzterer eine historisch lokalisierbare Bewegung darstellt, ist Dada eine unerklärbare, nicht definierbare, bewegliche Paradoxie. Durch diese Eigenschaften ist Dada individuell und anpassungsfähig, es weist eine "weiche Struktur" auf, seine Komplexität, Widersprüchlichkeit und Individualität machen es zu einer Herausforderung auch für die Gegenwart.

Aus welcher Richtung kam Dada?

Das Wesen der Bohème (vorallem in Berlin und München) prägte die Entwicklung von Hugo Ball und dem Dadaismus entscheidend mit. Das soziale Leben spielte sich vor allem in den Cafés ab; der gemeinsame Gedankenhorizont war ein rousseauistisch gefärbter Anarchismus, der sich zu den Outcasts der Gesellschaft hingezogen fühlte. Soziologisch ist sie dabei als eine aggressive Reaktion auf die Ablehnung der modernen Kunst (und des Künstlers selbst) in einer weitgehend erstarrten Gesellschaft zu sehen, als eine Anti-Gesellschaft, die die einzelnen Künstler (und Möchtegernkünstler) zu einer lockeren Gemeinschaft zusammenschließt, die durch gegenseitige Anerkennung und Anregungen einen Halt gewährt gegenüber Anfeindungen und auch finanziell die Erfolgschancen erhöht, konnte doch über dieses Milieu der Kontakt zu aufgeschlossenen Mäzenen und zu bereits etablierten Namen hergestellt werden. Damit wurde aber ein selbsttätiger Mechanismus in Gang gesetzt. Die relative Sicherheit, die Gruppendynamik und der Profilierungszwang, die dieses Milieu bot, führten zu einer immer schärfer werdenden Kritik am bürgerlichen Wertesystem, was wiederum die ablehnende Haltung des (besonders des Klein-) Bürgers gegen die Bohème verschärfte. Ball hat die Bohème, ohne die die Entstehung des Dadaismus nicht denkbar ist, später kritisch reflektiert.

Die Provokation, die durch die Ironisierung nicht nur bestehender Wertesysteme, sondern auch des eigenen Werks und seiner selbst hervorgerufen wird, ist (innerhalb des Expressionismus) Kennzeichen des grotesken Frühexpressionismus. Die Haltung gegenüber pathetischer Exaltation ist hier noch durchaus ambivalent. Während man sie einerseits suchte, opponierte man andererseits gegen die blasierte Selbstüberhebung, die man aus der bisherigen Kunst nur allzu gut kannte. Die revolutionäre Lebenslust verlor sich später, der Expressionismus wurde institutionalisiert; der Dadaismus verdankt jedoch dem Frühexpressionismus nicht weniger als der eigentliche Expressionismus, indem er sich auf dessen anderen Pol konzentrierte, wobei die pathetische Exaltation zurücktrat (aber niemals verschwand!).

Die Flucht aus der "bürgerlichen", "intelligenten", "merkantilen" Welt steht im Mittelpunkt der Texte von Hugo Ball aus dieser Zeit – mal auf idyllische, mal auf obszöne Art, blasphemisch oder ekstatisch, sehnsüchtig, angstvoll oder, wie zuletzt, in grotesker Verschiebung.

Der Prä-Dadaismus

Vergleicht man Balls Texte mit denen, die er in Co-Autorschaft mit Hans Leybold verfaßt hat, so fällt unschwer auf, daß die Radikalität der Groteske, die in Balls Gedichten eher die Ausnahme war, bei den gemeinsamen Gedichten zur Regel wird. Der junge, als genialisch, arrogant und zynisch beschriebene Leybold war für Ball antreibendes Moment, und so nimmt es nicht wunder, daß die Gedichte der beiden (ebenso wie die von Leybold alleine) bereits an einem extremen Rand des Expressionismus standen. Etwa bei dem Gedicht "Widmung an Chopin", das oben zitiert wurde, fallen mehrere charakteristische Unterschiede auf gegenüber den Gedichten Balls. Wo es bei diesem schwer ist, einen "Sinn" aus dem Text herauszulesen, ist es bei dem oben zitierten Text kaum noch möglich, einen anderen Sinn als den der Sinnverweigerung herauszulesen.

Sein früher Tod brachte Hans Leybold um die Konsequenzen, die die Radikalisierung des Expressionismus nach sich zog. Hätte er, der offenkundig radikalere Partner Balls, 1916 noch erlebt, wäre er zweifellos einer der führenden Dadaisten geworden. So jedoch lag es an Ball, das gemeinsam Erarbeitete fortzuführen. Nach seinem Frontabenteuer und dem Tod Leybolds übersiedelte Ball im Oktober 1914 nach Berlin. Dort lernt er einen jungen Mann kennen, der anfangs wohl einen Ersatz für den verlorenen Leybold darstellte – zumindest ist es ein merkwürdiger Zufall, daß sowohl Hans Leybold als auch Richard Huelsenbeck intelligent, begabt, gutaussehend, arrogant und "jeglichem Fanatismus", "jeglicher Anarchie"zugetan waren. Die Freundschaft zwischen Ball und Huelsenbeck muß als Keimzelle des Dadaismus angesehen werden. Dieser Prä-Dadaismus der ersten Jahreshälfte 1915 (dann emigrierte Ball nach Zürich) trat vor allem durch zwei Veranstaltungen ans Licht: die "Gedächtnisfeier für gefallene Dichter" (12.2.) und der "Expressionistenabend" (12.5.). Besonders die erste dieser Veranstaltungen hat immense Bedeutung für die Entwicklung des Dadaismus gehabt. So war es keineswegs eine rührende, anklagende Trauerfeier, im Gegenteil, die "Kälte" wurde kritisiert, "kein bißchen Musik" erzeugte Stimmung. Insbesondere die Reden Huelsenbecks (über Péguy) und Balls (über Leybold) wurden in ihrem spöttischen Ton als unangemessen beanstandet.

Als sich nach Balls Rede, wie ein Rezensent "peinlich" berührt bemerkt, leichtes Kichern regt, so hat Ball nicht nur auf die wohl einzig mögliche Art über Leybold gesprochen, er hat zugleich dem "Literarischen Manifest" entsprochen, das am Ende der Veranstaltung als Flugblatt ausgegeben werden sollte. Ganz im Sinn Leybolds wollten die "Literaturstänker" Ball und Huelsenbeck "Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang". Der kurze, aber äußerst vielschichtige und widersprüchliche Text ist zwischen Expressionismus, Futurismus und Dadaismus angesiedelt. Das Programm der aktionistischen, vitalistischen Anarchobohèmiens propagiert "Expressionismus, Buntheit, Abenteuerlichkeit, Futurismus, Aktivität, Dummheit", "Intensität", "Nüstern", "Askese", "methodischen Fanatismus", "die Partei der Bilderstürmer und jeglicher Radikalisten", "den Stoffwechsel, den Saltomortale, den Vampyrismus und alle Art Mimik", das "Heute" und endet "Negationisten wollen wir sein". Bekämpft werden "die Intellektualität", "die Bebuquins", "die gänzlich Arroganten", "Gehirnwesen, Geistlinge, Systemlinge", "Aktionierer und lyrische Tenöre", "Programmatiker" und Sektenbildner", "Schönheit, Kultur, Poesie", "aller Geist, Geschmack, Sozialismus, Altruismus und Synoymismus", schließlich "alle "ismen" Parteien und "Anschauungen"". Die Widersprüche treten an der Schnittstelle von Expressionismus und Dadaismus auf. Wenn zum einen Expressionismus propagiert wird, zum anderen alle Ismen und Anschauungen befehdet werden oder wenn einerseits ganz im Sinn des Dadaismus Dummheit und Dilettantismus gefordert werden, andererseits aber die Autoren "die geistige Führerschaft übernehmen" wollen, oder wenn schließlich in der gleichen Zeile der Kampf gegen alle Ismen angekündigt wird und der Satz "Negationisten wollen wir sein" steht, zeigt sich, daß die Gedanken des Manifests noch nicht ausgereift sind, daß wir noch in einer Prä-Phase sind.

Hugo Ball und der Dadaismus

Balls Zeitkritik: Die organisierte Maschinenwelt als höchste Errungenschaft und Charakteristik der Zeit ist nicht zu beanstanden, sie arbeitet reibungslos; doch dieses Funktionieren hat den Menschen zerstört. Dem Menschen ist eben das maschinenhafte Funktionieren fremd, es vernichtet das wesentlich Menschliche an ihm. Was also braucht der Mensch zum Gesunden, worin ist er krank?

"Drei Dinge sind es, die die Kunst unserer Tage bis ins Tiefste erschütterten, ihr ein neues Gesicht verliehen und sie vor einen gewaltigen neuen Aufschwung stellten: Die von der kritischen Philosophie vollzogene Entgötterung der Welt, die Auflösung des Atoms in der Wissenschaft und die Massenschichtung der Bevölkerung im heutigen Europa."

Zur Rettung des Menschlichen muß als Akt der Notwehr eine nichtrationale Erkenntnisweise eingeführt werden, die den Wert des Einzelmenschen zu verstehen hilft.

Während der Planung des Cabaret Voltaires schrieb Ball erste Bedenken nieder: "H.[uelsenbeck] spricht gegen "Organisierung"; man habe genug davon. Ich bin ganz seiner Meinung. Man soll aus einer Laune nicht eine Kunstrichtung machen."

Stand Balls Tätigkeit im Cabaret (eröffnet am 5. Februar 1916) von Anfang an unter dem Zeichen von heiterer Lebendigkeit und paradoxer Phantastik, die besonders durch die Aggressivität Huelsenbecks eine instinktive, primitivistische Färbung erhielt, so faßte Ball diese respektlose, antiautoritäre Haltung in dem Begriff der "Torheit" und der "Kindlichkeit" zusammen: "Unser Kabarett ist eine Geste. Jedes Wort, das hier gesprochen und gesungen wird, besagt wenigstens das eine, daß es dieser erniedrigenden Zeit nicht gelungen ist, uns Respekt abzunötigen."

Hugo Balls schnelle Flucht aus dem Dadaismus

"Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, daß bisher niemand etwas davon wußte und morgen ganz Zürich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexikon. Es ist furchtbar einfach." Mit diesen lakonischen Sätzen beginnt "Das erste dadaistische Manifest", verlesen im Cabaret Voltaire am 14. Juli 1916. Ball: "Wenn man eine Kunstrichtung daraus macht, muß das bedeuten, man will Komplikationen wegnehmen." – ein Verweis auf die Nivellierung des individuell Künstlerischen im übergestülpten "Ismus". So offenbart sich das tatsächlich erste Dada-Manifest als "kaum verhüllte Absage an die Freunde", und es verwundert nicht, daß es Balls einziges Dada-Manifest blieb: Nur zwei Wochen später reiste er ins Tessin. Zu einem Zeitpunkt, da er innerlich mit den "Freunde[n] und Auchdichter[n], allerwerteste, Manufakturisten und Evangelisten Dada Tzara, Dada Huelsenbeck" gebrochen hatte.

Ausgerechnet derjenige, der gewöhnlich als "Erfinder" des Dadaismus gesehen wird, stellt offensichtlich ein Sonderfall dar. Seine bald nach den kurzen dadaistischen Gastspielen erfolgte Wendung unterscheidet ihn so deutlich von den anderen Dadaisten, daß seine Zuweisung zu dieser Bewegung ernsthaft in Frage zu stehen scheint. Denn nicht erst 1920, das Jahr seiner Generalbeichte, markiert die Wende zum Katholizismus. Bereits zu Ende der Galerie Dada häufen sich die christlich-mystischen Eintragungen, Aufzeichnungen über Baader und Nostradamus finden sich, und bald nach dem endgültigen Rückzug vom Dadaismus studiert er in den "Acta Sanctorum", gleichsam als Erholung. Keine Orientierungsphase ist dazwischen eingeschoben, kein Übergang – dies wirft ein anderes Licht auf den "Dadaismus" Balls selbst. Können "Tenderenda", die Lautgedichte, der Auftritt als "magischer Bischof", schließlich der "Dadaismus" selbst unter diesem Gesichtspunkt noch als die Blasphemien gesehen werden, für die Ball sie später selbst hielt, oder als Vorstufen der endgültigen Orientierung zur Kirche als Idee wie als Institution? Die Fragestellung muß also lauten: War Balls "Dadaismus" ein Übergang von den Blasphemien eines wildgewordenen Expressionismus zur christlichen Orthodoxie? Und wenn dem so ist, unterscheidet sich denn Ball nicht so sehr von den anderen Dadaisten, daß man mehr von einem zufälligen bzw. kontingenten Zusammentreffen oder von einer Lawine, die Ball gewissermaßen durch ein Mißverständnis auslöste, sprechen sollte? Trotz aller vordergründiger Plausibilität kann dieser erste Erklärungsversuch nicht befriedigen: das nach wie vor blasphemische Potential der Ballschen Dada-Texte darf auf keinen Fall verharmlost werden, unglaubwürdig wirkt auch, den Dadaismus auf ein Mißverständnis zurückzuführen. Ein Versuch, den Dadaismus und Hugo Ball zusammenzudenken, ist natürlich unausweichlich, und er kann nur eine Gestalt haben: daß nämlich diese Wendung zur Religion, sogar zur Orthodoxie, dem Dadaismus nicht so fremd war, wie dies auf den ersten Blick scheinen möchte. Ein genauerer Blick auf den Dadaismus liefert Indizien dafür zuhauf. So etwa las Richard Huelsenbeck im Februar 1915 eine Totenrede auf den christlichen Dichter Charles Péguy; auffällig ist auch das Programm der vierten und letzten Soirée der Galerie Dada, "Alte und Neue Kunst", am 12. und 19.5.1917, in der Jacopone da Todi, Mechthild von Magdeburg, Jakob Böhme und andere religiöse Literatur gelesen wurde.

(Die Magie)

Die Magie besitzt Attribute, die für Ball äußerst anziehend gewesen sind: sie ist dem Rationalismus ebenso entgegengesetzt wie dem Materialismus, und sie ist archaisch, so daß sie deren beider Widerlegung ante festum darstellt. Ball hat die Magie als höchsten Ausdruck der Isolation des Individuums verstanden, was bedeutet, daß dessen natürliche Kontakte zur Umwelt zerstört sind, daß der Magier in sich selbst zurückkehren muß; aber sie ist in paradoxer Weise auch die höchste Einheit mit der Umwelt, da der Magier auf geistige Weise an ihr partizipiert, wozu er deren kontingente Unterscheidungen überwinden muß. Somit war Ball zweifellos sehr fasziniert von der Idee des Magischen: Magie und Kreuz sind für Ball zwei Alternativen zur Überwindung der Gegenwart, deren anfängliche Verbundenheit sich erst nach und nach löst. Balls Wunsch nach kindlicher Religiosität und sein bis zur Naivität gesteigerter Wunderglaube bezeugen, daß er im Katholizismus eine magisch-archaische Gemeinschaft suchte. Ball: "Die Selbstbehauptung legt die Kunst der Selbstverwandlung nahe. Der Isolierte sucht sich zu behaupten unter den ungünstigsten Bedingungen; er muß sich unangreifbar machen. Die Magie ist die letzte Zuflucht der individuellen Selbstbehauptung, vielleicht des Individualismus überhaupt."

Der Künstler als Idealtypus des Individuums ist als Person kaum noch präsent; sein scheinbar direkter, unverstellter Zugang zur Natur offenbart sich als verzweifelte Notlösung, als Rückzug, Ausdruck seiner Isolation; eine Isolation, die das Individuum, wo es in seiner Vollendung erscheint, zu zerbrechen, genauer: aufzulösen scheint. Das Individuum erreicht also seine höchste Vollendung, indem es zugleich verschwindet, und den innigsten möglichen Kontakt mit der Natur aus Notwehr und Verzweiflung. Die Magie als Schlüsselbegriff in Balls Dadaphase faßt also den Widerspruch zwischen Aktivität und Passivität66, zwischen defensiver und offensiver Haltung der neuen Zeit gegenüber, zwischen Modernität und Primitivismus in eins; sie weist aber zugleich voraus auf seine weitere Entwicklung.

(Kritik an Dada)

Durchaus selbstkritisch verurteilt Ball den Widerspruch von künstlerischer Forderung und eigener Lebenspraxis; nicht ohne eine gewisse Berechtigung nennt er diese Haltung "bürgerlich". Gerade für Ball mußte dies ein scharfer Vorwurf sein (nicht umsonst wirkt das Attribut "bürgerlich" im Zusammenhang mit dem Dadaismus zuerst befremdlich), ist bei ihm doch zeitlebens das Bemühen zu verfolgen, der durch Belanglosigkeit erkauften Gemütlichkeit und Absicherung (in welcher Form auch immer) ein Ende zu bereiten und statt dessen Anschauungen und Lebenspraxis ohne Rücksicht auf persönliche Opfer zur Kongruenz zu bringen. Ein wesentliches Motiv für die Gründung des Cabarets war zweifellos der Versuch dieser Überbrückung; als sich herausstellte, daß es in dieser Hinsicht versagte, ging Ball allmählich auf Distanz: "Es ist mir daran gelegen, das Kabarett zu behaupten und es dann aufzugeben." (21.3.1916 / 6 Wochen nach der Eröffnung) "Es waren Japaner und Türken da, die recht verwundert dem Treiben zusahen. Ich empfand zum ersten Mal mit Beschämung den Lärm unserer Sache." (3.6.1916)

Die Dadaphase ist krisenhafter Übergang von Kunst, Magie, Mystik und Orthodoxie ineinander, als der Punkt, an dem die Weichen für Balls spätere Entwicklung gestellt wurden.

Eine ironische Schlußfolgerung Balls ist, daß zur Befreiung von den Übeln der bourgeoisen Kultur das bloße "Dada"-Sagen genügt. Zieht man etwa die Feststellung heran, Dada sei ein bedeutungsloses Wort, das zum Platzhalter für alles werden konnte, gerade auch für Begriffe von religiöser Wertigkeit, so erklärt sich daraus die willkürlich anmutende Paradoxie der Füllungen dieses Platzhalters.

Balls Haltung zum Dadaismus spiegelt sich wieder in seiner Auseinandersetzung mit Tristan Tzara. Am 15.9.1916 schreibt er ihm aus Ascona: "Ich habe ein anderes System, jetzt. Ich will es anders machen. Ich bin noch viel mißtrauischer geworden. Ich erkläre hiermit, daß aller Expressionismus, Dadaismus und andere Mismen schlimmste Bourgeoisie sind. Alles Bourgeoisie, alles Bourgeoisie. Übel, übel, übel."

Der Dadaismus zeigt sich für Ball nicht als satanische Negierung von Sinngebung und Religion, wie dies gelegentlich geäußert wurde, sondern als verfehlter Weg zum richtigen Ziel.

Die Kritik ging so weit, daß Ball sich nicht scheute, den Dadaismus mit dem gleichzusetzen, das er am entschiedensten bekämpfte – mit dem Bürgertum, mit der "Farce dieser Zeit" und sogar mit dem Militarismus: "Die Besprechung des Herrn Guilbeux hat mich sehr interessiert. Er hat sehr recht. Das "Cabaret Voltaire" ist nichtsnutzig, schlecht, dekadent, militaristisch, was weiß ich, was noch. Ich möchte so etwas nicht mehr machen." (Brief an Tzara, 27.9.1916)

Die Kritik der aus dem Militarismus erwachsenen Dekadenz, dem umfassenden Verlust positiver Werte, leitet über in die politische und katholische Werkphase; sie, und nicht etwa ein plötzlich erwachtes Interesse an der Politik oder eine neu gefundene Religiosität macht die Zäsur von 1916/17 aus. Statt grundsätzlich "gegen" zu sein, wie im "Literarischen Manifest", ist Ball nun der Ansicht, wir hätten von all dem "übergenug" und bereitet die ideologische Umkehr vor: die Destruktivität, mit der der Gesellschaft begegnet wurde, hat ihren Sinn verloren.

Wenn, wie sich Ball allmählich überzeugte, der Krieg nicht nur die Schuld Deutschlands war, sondern auch logische Konsequenz einer Jahrhunderte dauernden Entwicklung, wenn aber diese amoralische Aggressivität, die keineswegs plötzlich losgebrochen war, auf eine individualistische Selbstüberhebung, auf eine von Zivilisations- und Religionsverlust verursachte Hybris des gesamten Volks, auf einen materialistischen Nihilismus also zurückging, dann war für ein neues Wertesystem zu kämpfen. Der Dadaismus läßt sich aus dieser Position heraus als Irrweg begreifen, der gerade in die entgegengesetzte Richtung führt.

Wo anstelle von unmittelbar einsichtigen Realitäten und verbindlichen Wertsystemen ein Programm der Auflösung, Nihilismus, vertreten wird, ergeben sich bald neue Anforderungen und Zwänge für den Künstler (und damit mittelbar für den Menschen allgemein). Wenn das Alte seine Dignität verliert, wo keine verbindlichen Hierarchien mehr in Geltung sind, entsteht im Rezipienten rasch das Bedürfnis nach immer neuen Reizen, das Überraschungsmoment der Innovation verdeckt die fehlende Sinngebung. Ball spielt mit einer Kritik der "Ueberraschung" auf den raschen Wechsel der "Ismen" an und opponiert gegen den verselbständigten Mechanismus, der die Innovation zum Selbstzweck verkommen ließ, die in keinem Zusammenhang mit Ausdruck und Bedeutung, ja sogar im Gegensatz zu ihr steht: Innovationen werden gewaltsam erzwungen, aber sie geben sich auch selbst immer gewaltsamer, was produktionsästhetischer Reflex dieser Situation ebenso wie rezeptionsästhetischer Zwang ist, da sich das gesucht Neue eben in der "Blasphemie" findet, in der möglichst weitgehenden Negation des Bestehenden. Diese Form der "Ueberraschung" ist ebenso wie die anmaßende Selbstüberhebung von keinen positiven Ideen mehr getragen, sie ist verselbständigt, künstlich forciert und damit "gewalttätig", oder, was fast dasselbe bedeutet, nihilistisch.

In Balls Buch "Tenderenda" tritt Dada erneut als bloße Laune, als donquichotisch- verzweifelte Lustigkeit mit Possenreißerei gegen die "Zwangsläufigkeiten" der Zeit auf, als "Halluzinade" mit bruitistischem Lärm – doch damit machen sich die Akteure nicht nur lächerlich, sie bieten auch eine Basis für die Präsentationssucht derjenigen, die um jeden Preis en vogue sein wollen.

Aus dem Roman "Flametti" wie auch aus anderen Aufzeichnungen Balls kann man auf seine Sympathie für die Unterschichten schließen; doch wurde Ball in dieser Hinsicht enttäuscht und mußte seine Illusionen von einer besseren Gesellschaft aufgeben, und auch davon spricht der Roman. Hatte er anfangs erwartet, antibürgerliche Menschen vorzufinden, so mußte er bald erkennen, daß es sich vielfach nur um unterbürgerliche handelte, die die gängigen Normen und Werte nicht anzweifelten und sich ersehnten, nach ihnen leben zu können. So stellt Ball sichtlich unbefriedigt fest, daß der Traum der Arbeiter keineswegs Selbstbestimmung, Befreiung oder was auch immer ist, sondern ein Leben in Bequemlichkeit

Balls Politik nach Dada

Nachdem Ball Ende Mai 1917 die Galerie Dada geschlossen hat, übersiedelt er nach Bern. Es beginnt Balls Engagement bei der noch jungen "Freie Zeitung", für die er bis zu ihrer Einstellung arbeiten sollte. Die Freie Zeitung war ein überwiegend von deutschen Emigranten publiziertes Periodikum, das bis März 1920 bestand. Die Gründung ging auf die Unzufriedenheit mit den Sozialistenkongressen in Zimmerwald und Kiental 1915/16 zurück, die die Kriegsschuld im internationalen Kapital suchten; Position der Freien Zeitung war es dagegen von Anfang an, die Deutschen als Kriegsverursacher zu brandmarken.

Während 13 Monaten schreibt Ball an einer politischen Publikation über die deutschen Intellektuellen, das Buch "Zur Kritik der deutschen Intelligenz" erscheint 1919 im Freien Verlag. Darin finden sich u.a. folgende Thesen:

In Deutschland herrschen Materialismus, Militarismus, Expansionsdenken, nationaler Hochmut und Zynismus, kurz: Barbarei. Die Deutschen werden beschrieben als "das protestierende Volk" ohne dass doch ersichtlich sei, wofür sie protestierten, "sie verdrehten die Werte, suchten ihren Stolz im Widerspruch und spielten einen Heroismus aus, vor dessen (...) Pose die übrige Welt in Gelächter ausbrach", "sie fanden nie die freundliche, höfliche Einstellung zu den Dingen, sie identifizierten sich nicht mit den eignen Gedanken", sind "geborene Schwarzseher", fühlen sich als "Richter, Rächer und Vormund" und "misstrauten aus Prinzip". Ihre Mentalität ist "trauriges Zeugnis der Prinzipien und Herzlosigkeit, des Mangels (...) an instinktiver Moral", ihre protestantische Gewissensverkrampfung läßt sie an "Schwermut und Hypochondrie" leiden, "grillenhaft, launisch und mißvergnügt", "Kritteln und Nörgeln und geistige Impotenz" sind ihre Eigenschaften. Die Ursache für diesen Kulturverlust liegt im Bruch mit positiven europäischen Traditionen. Durch die Sucht nach Originalität, einem sich selbst genügenden, hochmütigen Bedürfnis nach Anderssein, koppelten sich die Deutschen von einer ursprünglichen Einheit von Weltanschauung, Religiosität, Kunst und Leben ab. Mit dem Höhepunkt des deutschen Wahnsinns 1914-18 ergibt sich auch eine Chance: zum einen habe die Welt das Problem erkannt, sich zu einem Bündnis gegen die deutsche Mentalität zusammengefunden und einen moralischen Sieg errungen, zum anderen hätten die vernichtend Geschlagenen die Gelegenheit, die mürbe gewordenen Fesseln des eigenen Hochmuts abzuschütteln, sich bedingungslos zu ihrer Schuld zu bekennen und einen echten Neuanfang zu wagen. Die Prinzipien, denen dieser Neuanfang folgen muß, heißen "Freiheit und Heiligung", das Ziel ist eine "Kirche der Intelligenz". Balls Utopie ist eine rebellische, neutestamentarische, europäische Intelligenz mit individuell moralischem Verantwortungsbewußtsein und spiritueller Empfänglichkeit.

Aufgrund der Neigung zu Schwarz-Weiß-Denken ist es klar, daß das Buch zahlreiche Vergröberungen aufweist, die die Plausibilität der Gedanken erheblich erschüttern und sie vielfach auf den Rang idealistischer Konstrukte zurückstufen. Ball scheint die Utopie eines wiederbelebten neo-mittelalterlichen Universalstaats vorzuschweben, in dem Deutschland als "reuiger Sünder" in seiner Büßerrolle spirituell die Führung übernimmt.

Balls Definition der Politik – die keinesfalls selbstverständlich ist – weist ihr eine allgemein und insbesondere gegenüber dem Geist sekundäre, dienende Rolle zu. Insofern ist es auch nicht überraschend, daß Ball niemals "reales" Engagement zeigte und daß er nie Mitglied einer Partei war; seiner Form politischen Denkens haftet, auch nachdem er sich jahrelang mit dem Thema beschäftigt hatte, etwas Weltfremdes an, positiv ausgedrückt: es ist eher philosophisch als tatsächlich politisch. Von daher muß auch das schematische Schwarz-Weiß-Denken verstanden werden, wie es typischerweise idealen Konstrukten anhaftet.

Das Jahr 1920 bezeichnet die letzte und (trotz gewisser Modifikationen) endgültige Wende in Hugo Balls Leben. Am 21.2. heiratete Ball Emmy Hennings, die schon die fünf Jahre zuvor seine Lebensgefährtin war; zum 1. April des Jahres wird die Freie Zeitung aufgelöst, wenige Monate später folgt ihm der Freie Verlag. Die politisch verrufene und des Vaterlandsverrats bezichtigte Zeitschrift war offenbar boykottiert worden und mußte ihr Erscheinen aus finanziellen Gründen einstellen. Hugo Ball verlor damit nicht nur sein relativ gesichertes Einkommen, sondern mußte auch das Scheitern seiner politischen Hoffnungen manifestiert sehen.

Ball Schlußfolgerung: "Resultat: daß die politische Aktion in der Schweiz keinen Sinn mehr hat, und daß es kindisch ist, diesem Treiben gegenüber auf Moral zu bestehen. Ich bin gründlich geheilt, von der Politik nun auch, nachdem ich den Ästhetizismus bereits früher abgelegt hatte147. Es ist notwendig, noch enger und ausschließlich auf die individuelle Basis zu rekurrieren; nur der eigenen Integrität zu leben, auf jedes korporative Wirken aber ganz zu verzichten. (24.5.1919)"

War er nach Kriegsende noch hin- und hergerissen zwischen Pessimismus und kühnen Hoffnungen, so hatte Ball keine sechs Monate nach dem November 1918 erkannt, daß die deutsche Mentalität unverändert den Krieg überstanden hatte und sich das demokratische Mäntelchen nur widerwillig umgehängt hatte, während nationales Selbstmitleid, Schuldzuweisungen und rechter Terror die politische Landschaft absteckten. Von dieser herben Enttäuschung erholte sich Ball nicht mehr; 10 Monate später schreibt er seinen letzten politischen Artikel für die Freie Zeitung. Ende des Jahres 1920 beginnt er die Arbeit an "Byzantinisches Christentum".

Die Hugo-Ball-Forschung hat es sich längst zu einem erst allmählich überwundenen Gemeinplatz gemacht, Ball als sprunghaften, haltlosen Denker vom Expressionismus zum Dadaismus, vom Dadaismus zur Politik, und von dort zum Katholizismus übergehen zu sehen, wo er schließlich seine geistige Heimat wiederfand.

Hugo Balls Wendung zur Orthodoxie

Was waren Balls Motive für die Rückkehr in die Kirche? Hier müssen zuerst zweierlei Motivgruppen unterschieden werden. Balls Rekatholisierung war keine nüchtern und abstrakt getroffene Entscheidung, sondern die Rückkehr eines Gescheiterten – jedenfalls empfand er selbst sich so. Hatte sich ihm nach dem Mißerfolg seiner ästhetischen Ideen die ausschließliche Beschäftigung mit Politik geradezu aufgedrängt, so verblieb ihm nun nichts mehr – außer der Leidenschaft fürs Übernatürliche. Was in der Gemeinschaft utopisch ist – die religiöse Umkehr –, soll nun verwirklicht werden am exemplarischen Individuum, an Ball selbst. Diese Umkehr war aber kaum eine rationale Entscheidung, sondern es ging ihr ein schweres Scheitern voran.

Der Schritt zum Katholizismus gehorchte auch einer inneren Logik in der geistigen Entwicklung Balls. Ball war stets Irrationalist und hat zeitlebens, wenn auch mitunter verworren und exzentrisch, religiöse Empfindungen gehegt; Sympathien für herausragende Katholiken, katholische Ideen und Traditionen hegte er schon längst vor seiner Rekonversion. Ausschlaggebend für den letzten Schritt war nicht nur der Schmerz über, sondern auch die Einsicht ins Scheitern. Die eigenen Versuche, eine Gemeinschaft gegen Bestialität und Materialismus zu stiften, waren mißlungen; Ball in seiner Isolation suchte Anschluß an eine von Kindheit an vertraute Gemeinschaft, deren ehrwürdiges Alter und gewachsene Rolle als Opposition gegen allzu weltliche Interessen ihn anzog.

Wie sehr Ball trotz der Einmaligkeit seiner Biographie von sich selbst auf die Allgemeinheit schloß, wird deutlich, wenn er seiner nicht Hoffnung, sondern Gewißheit einer allgemeinen Rückkehr zur Kirche Ausdruck gibt: "So findet eine Erneuerung und eine Umkehr zur Kirche, und zwar zur Großkirche statt, die ihresgleichen in der Geschichte sucht. Die religiöse Konversion ist heute ein Zeitproblem von universaler Bedeutung." Diese offensichtliche Fehleinschätzung Balls ist nicht nur ein Indiz für die aufgrund psychischer Labilität getrübte Objektivität, sondern auch dafür, daß er sich mit seiner Rekonversion in ein ideologisches Abseits begeben hatte, von dem aus die Komplexität der modernen Gegenwart nicht mehr zu überblicken war; ein Abseits, aus dem er sich jedoch auch nach den schmerzlichen Erfahrungen mit seinen Glaubensgenossen nicht mehr befreien konnte.

(Die Kritik an der Reformation)

Offenbar hat Hugo Ball schon relativ bald nach Fertigstellung der mit großem Engagement geschriebenen "Kritik der deutschen Intelligenz" (KddI) das Bedürfnis verspürt, dieses Buch aus der neugewonnenen Position des Katholiken zu revidieren. Wie oben ausgeführt, sympathisiert es mit einzelnen Katholiken und katholischen Gedanken, insbesondere die institutionell verfestigte Kirche und ihre allzu weltlichen Aspekte werden in der dem ganzen Werk eigenen Schärfe abgelehnt. Ball war sehr bemüht, Anschluß an die weltumspannende Gemeinde des Katholizismus zu finden und erhoffte sich von dort, wie mehrfach gezeigt, die Lösung des deutschen Problems. 1924 arbeitet Ball die Kddl um und gibt ihr den neuen Titel "Die Folgen der Reformation" (FdR); im Herbst des Jahres wird sie veröffentlicht. Die Neuauflage ist im wesentlichen eine Kürzung: ca. 40% des Textes wurden gestrichen, bei den Anmerkungen sogar ca. 85%. Ball nahm sehr umfangreiche Eingriffe in den Text vor.

Ohne auf eine Synopse zurückgreifen zu können, läßt sich die Gesamttendenz der Bearbeitung auf folgende Punkte bringen: Der politische Enthusiasmus, die Aufbruchsstimmung, ist durch einen Ton der Innerlichkeit zurückgedrängt, der teilweise resigniert, teilweise nach der fanatischen Überzeugung von der Durchsetzungskraft der eigenen Anschauung klingt; Die Tendenz der Kritik an den Deutschen ist im wesentlichen beibehalten, wenn auch stellenweise der pamphletistische Ton zurückgenommen wird. Neu akzentuiert wurde jedoch die (katholische) Religion, auf deren Verlust der deutsche Barbarismus nun eindeutig zurückgeführt wird und die nun uneingeschränkt anerkannt wird. Widersprüche zwischen politischen Befreiungsbewegungen und dem die weltliche Macht meist stützenden Katholizismus werden ausgeblendet oder zugunsten der Kirche entschieden. Die Rolle positiver, aber nicht in die kirchliche Orthodoxie eingebundener Gestalten wird erheblich abgeschwächt bzw. ganz gestrichen. An die Stelle der christlich-anarchischen Lebensanschauung von "Freiheit und Heiligung" ist eine starke Sympathie für Demuts- und Askesehaltung, eine Subordination unter die Hierarchie getreten, die der früheren Position stellenweise diametral entgegengesetzt ist; daher kommt es auch zu Reibungen zwischen der älteren und der neueren Ansicht.

In dem Bemühen, seine Mitgläubigen auf die deutsche Frage aufmerksam zu machen und zugleich seine eigenen "Blasphemien" zurückzunehmen, überschätzte Ball allerdings nicht nur die Wirkung der KddI (die in den chaotischen Nachkriegsjahren offenbar kaum zur Kenntnis genommen worden ist155), sondern auch und vor allem die Integrität und Radikalität des Katholizismus. Nicht KddI, sondern FdR verusachte einen kleinen Skandal, der für Ball äußerst unangenehme Folgen hatte. Immer mehr vernichtende Kritiken trafen ein, schließlich auch in der Kölnischen Volkszeitung, einem führenden katholischen Blatt.

Nach diesem schweren Schlag mußte Ball seine Hoffnungen, im Lager der Katholiken Anschluß zu finden, begraben. Eine mögliche Konsequenz wäre gewesen, den Fehler einzusehen, zu erkennen, daß die Menschen, um die er heftig warb, sich zumeist weniger durch ihre Spiritualität als vielmehr durch eine ans Reaktionäre grenzende Konservativität auszeichneten; zu erkennen, daß der Weg von KddI zu FdR ein Irrweg war, der idealistisch verkannte, daß der Katholizismus seinen Kompromiß mit der weltlichen Macht schon vor Jahrtausenden geschlossen hatte.

(Die Flucht aus der Zeit)

War schon FdR unter dem (freilich mißglückten) Bemühen zu sehen, ältere Positionen zu korrigieren und sich dem neuen Dogma anzupassen, so ist sein nächstes Projekt, "Die Flucht aus der Zeit" (eine Autobiographie auf der Basis redigierter Tagebücher) noch viel mehr der Versuch, sich zu rechtfertigen und um Verständnis zu werben.

Der Mythos des Flüchtigen, der sich aus den drängenden Erfordernissen der kritischen Intelligenz und der modernen Kunst, denen beiden die festgefügten Normen von Jahrtausenden zwischen den Händen hindurchzulaufen scheinen, in den idyllischen Schrebergarten der südlichen Schweiz und einen bequemen Katholizismus zurückgezogen hat, übersieht dabei jedoch, daß Ball es sich keineswegs leicht machte bei den Katholiken. Die Suche nach Intersubjektivität und postrationaler Verbindlichkeit – auch unter persönlichen Opfern – waren zweifellos ausschlaggebende Motive für Balls Weg in die Orthodoxie.

Hinter einem offenkundigen Defizit von Balls Weltanschauung offenbart sich ein Komplex von politischen und philosophischen Implikationen. Es ist eine Sache, Irrationalismus in Kunst oder Philosophie zu vertreten; wenn dieser Irrationalismus aber zu einem religiösen Fanatismus ausgeweitet wird, der über Leichen geht, muß jedoch ein klares Veto entgegengehalten werden. Neben der Rationalität auch noch die Individualität zugunsten einer mit welchen verklärten Worten auch immer umnebelten Transzendenz aufzugeben bedeutet, sich in ein Fahrwasser zu begeben, das in den Hafen des Totalitarismus mündet. Daß Ball eine gewisse Anfälligkeit für ein alles übergreifendes Welterklärungsmodell aufweist, das sich politisch ohne weiteres auch der Gewalt bedient, zeigt sich unter anderen Vorzeichen – freilich mit wesentlich undogmatischerer Ideologie – in seiner Vorliebe für den Anarchismus, ja sogar die Episode der kurzzeitigen Kriegsbegeisterung gehört hierher. Das Einmünden in den Totalitarismus macht einen nachgerade ironischen Eindruck, findet sich doch Ball, nach wie vor unter dem Anspruch der Freiheit kämpfend, nun in Gesellschaft gerade jener, die er sein Leben lang am heftigsten bekämpfte, nämlich der deutschen Nationalisten und Revisionisten.

Die Zerstörung des Individuums zugunsten der irrational erfahrbaren Suprematie der höheren Ordnung weisen den "Zeitflüchtigen" Ball gerade als Kind seiner Generation aus: so muß er als sehr eigenständiger, aber eben doch als Vertreter des bürgerlichen Irrationalismus gesehen werden.

Als die drei Hauptkriterien der Gegenwart macht Ball selbst in einem Aufsatz von 1917 Atheismus, Atomisierung und Massengesellschaft aus – mit anderen Worten den Verlust einer einheitlichen, verbindlichen Weltordnung und Sinngebung, die Monstrosität des Gewöhnlichen sowie die quantitative, nivellierende Expansion der Menschheit, deren hierarchische, soziale und persönliche Bindungen immer weiter verloren gehen. Ball muß unter dieser Diagnose sehr gelitten haben; mag er sie 1917 noch akzeptiert haben und sich nach geeigneten Möglichkeiten, sich in dieser Welt zurechtzufinden, umgeschaut haben, so ist wenige Jahre später die Tendenz zur Bekämpfung und Rückgängigmachung dieser Kriterien des 20. Jahrhunderts nicht mehr übersehbar: während die Monstrosität der Dingwelt als irrelevant ausgeblendet wird, ist es nun Balls Hauptanliegen, durch Wiedereinsetzung des Theismus eine verbindliche Weltordnung zu rekonstituieren; die Probleme der Massengesellschaft erledigen sich damit, da die Ausrichtung auf einen fixierten Horizont der Menschheit von selbst eine Strukturierung aufdringt. Darüber werden die Errungenschaften der modernen Zeit aufgeopfert, als da sind persönliche Freiheit des Individuums, Rationalismus, Liberalismus und hinter allem die Möglichkeit, die neue Komplexität auch als Chance zu begreifen.

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Zeittafel Hugo Ball

1886
22. Februar: Hugo Rudolf Ball wird in Pirmasens als fünftes von sechs Kindern des Schuhreisenden und Lederhändlers Carl Ball und seiner Frau Josephina, geb. Arnold, geboren und am 11. März katholisch getauft.
Im Elternhaus erfährt Ball eine streng katholische Erziehung.

1891
Besuch der Volksschule in Pirmasens (bis 1895).

1895
Besuch des Königlichen Progymnasiums zu Pirmasens, einer sechsklassigen Lateinschule (bis 1901).
Erste lyrische und musikalisch-kompositorische Versuche.

1901
Auf Wunsch der Eltern beginnt Ball eine Lehre in einer Lederhandlung in Pirmasens.
Erste dramatische Versuche und Gedichte.

1904
Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch bricht Ball seine Lehre ab und erhält Privatunterricht zur Vorbereitung auf die letzte Gymnasialklasse.

1905
In der Zeitschrift «Der Pfälzerwald» erscheinen erste Gedichte.
September: Eintritt in das Königliche Humanistische Gymnasium in Zweibrücken (bis Juli 1906).

1906
Juli: Ball legt das Abitur ab.
Oktober: Immatrikulation zum Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in München (bis Juli 1907).
Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit seinem Vetter August Hofmann.

1907
Zum Wintersemester wechselt Ball an die Universität Heidelberg, wo er u. a. Lehrveranstaltungen über Wagner, Schopenhauer und Nietzsche belegt.

1908
Aufenthalt in Basel.
November: Zum Wintersemester kehrt Ball an die Münchner Universität zurück (bis April 1910).

1909
Winter auf 1910: In dem Dorf Schnaitsee bei Wasserburg am Inn schreibt Ball an seiner Dissertation zum Thema «Nietzsche in Basel», wahrscheinlich mit der Absicht, in Heidelberg zu promovieren.

1910
Frühjahr: Ball bricht sein Studium ab, gibt sein Promotionsvorhaben vorerst auf und überwirft sich mit der Familie.
September: Er wird Regieschüler an der Schauspielschule des von Max Reinhardt geleiteten «Deutschen Theaters» in Berlin.

1911
Sein erstes Buch, die Tragikomödie «Die Nase des Michelangelo» erscheint im Ernst Rowohlt Verlag.
September: Regisseur und Dramaturg mit Schauspielverpflichtungen beim Stadttheater Plauen für die Spielzeit 1911/12.

1912
Juli: Wechsel zum «Münchner Lustspielhaus», das sich unter Eugen Robert in der Spielzeit 1911/1912 zu einem Forum moderner Dramatik entwickelt.
1. Oktober: Engagement als erster und alleiniger Dramaturg des «Münchner Lustspielhauses».
11. Oktober: Spielzeiteröffnung unter dem von Ball vorgeschlagenen neuen Namen «Münchner Kammerspiele».
Freundschaft mit Hans Leybold und der Schauspielerin Leontine Sagan.
24. November: Ball organisiert eine Feier zum 50. Geburtstag Gerhart Hauptmanns, bei der dessen «Helios»-Fragment uraufgeführt wird.
30. November: Uraufführung von Frank Wedekinds Drama «Franziska», bei der Frank und Tilly Wedekind mitspielen.

1913
März: «Aphorismen» erscheinen in der Zeitschrift «Jugend».
Zusammenarbeit mit dem Verlag von Heinrich F. S. Bachmair in München.
Juli: Erste expressionistische Gedichte von Ball erscheinen in der Zeitschrift «Die Aktion».
Neben seiner Theatertätigkeit arbeitet Ball als Redakteur für verschiedene Theaterverlage.
Ball verkehrt im Kreis des «Blauen Reiters».
Oktober: Balls Gedicht «Der Henker» erscheint in der ersten Nummer von Bachmairs Zeitschrift «Revolution», woraufhin das Heft mit dem Vorwurf der Verbreitung unzüchtiger Schriften konfisziert wird. Der Prozess vor dem Münchner Landgericht macht Balls Namen bekannt.
Bekanntschaft mit Johannes R. Becher, Emmy Hennings, Klabund, Richard Huelsenbeck und Hans Leybold.
Oktober: Reise nach Dresden und Berlin. In Dresden wird der Besuch einer Futuristen-Ausstellung zur ersten prägenden Begegnung mit der Malerei der radikalen Moderne. Begegnungen mit Jakob Hegner in Hellerau sowie mit Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn und Kurt Hiller in Berlin.
Dezember: In der Zeitschrift «Die Neue Kunst» erscheinen expressionistische Gedichte von Ball.

1914
Zusammenarbeit mit Wassily Kandinsky bei dem Versuch einer Erneuerung des «Münchner Künstlertheaters». Die Bemühungen, dem Expressionismus einen Weg ins Theater zu bahnen, scheitern.
6. April: Das Reichsgericht entscheidet in letzter Instanz über die Anklage wegen Balls Gedicht «Der Henker», es sei unverständlich und rufe daher keine «schamverletzende Wirkung» hervor.
Unter dem Pseudonym Klarinetta Klaball erscheinen gemeinsame Gedichte von Ball, Klabund und Marietta di Monaco.
Juni: Zum 50. Geburtstag von Frank Wedekind erscheint der Aufsatz «Wedekind als Schauspieler».
Juni: Plan eines Almanachs «Das Neue Theater» als Pendant zur Sammlung «Der Blaue Reiter». Der Kriegsausbruch führt zum Scheitern des Projektes.
Juli: Neuer Dramaturgen-Vertrag mit den Münchner Kammerspielen.
August: Alle künstlerischen und herausgeberischen Pläne werden durch den Kriegsausbruch zunichte gemacht. Gemeinsam mit Klabund stellt sich Ball in München als Kriegsfreiwilliger. Beide werden für kriegsuntauglich erklärt.
Aufenthalt bei der Familie in Pirmasens.
September: Um einen verschwundenen Bekannten zu besuchen, Reise durch das frontnahe Lothringen. Eindrücke von den Verwüstungen des Krieges.
7. September: Der Freund Hans Leybold begeht nach einem Lazarettaufenthalt Selbstmord.
Oktober: Übersiedlung nach Berlin, wo Ball zur Gruppe der expressionistischen Avantgarde gehört. Er gerät zunehmend in Distanz zur «Aktion» um Franz Pfempfert und nähert sich René Schickele und seiner Zeitschrift «Die Weissen Blätter» an.
Freundschaft mit Richard Huelsenbeck.
Er wird zum erbitterten Kriegsgegner.
November: Beginn der intensiven Beschäftigung mit Revolutionsbewegungen und Anarchismus.
Ball beginnt mit Tagebuchaufzeichnungen (bis 1921).
«Der Henker von Brescia» (Drama).
Ball beginnt seinen Roman «Tenderenda der Phantast» (abgeschlossen 1920, Erstdruck 1967).

1915
April: Anstellung als Redakteur der Zeitschrift «Zeit im Bild» (bis 1915).
Ball schreibt Beiträge für René Schickeles «Weisse Blätter».
Enge Zusammenarbeit mit Richard Huelsenbeck, mit dem zusammen er «Ein literarisches Manifest» schreibt.
12. Mai: Tumultuarischer Expressionistenabend in Berlin, der als Prototyp späterer Dada-Soireen gilt. Neben den Veranstaltern Ball und Huelsenbeck treten u. a. Johannes R. Becher, Emmy Hennings und Resi Langer mit einer Lesung von Gedichten Alfred Lichtensteins auf.
Ende Mai: Auf Einladung von Walter Serner emigriert Ball gemeinsam mit Emmy Hennings nach Zürich. Er gerät in den folgenden Monaten in eine extreme wirtschaftliche Notlage.
Kontakte zur syndikalistischen Arbeiterbewegung in Zürich und deren Theoretiker Fritz Brupbacher.
Oktober-Dezember: Engagement im Varieté-Ensemble «Flamingo» als Texter und Pianist.

1916
5. Februar: Ball gründet in Zürich das «Cabaret Voltaire», das Treffpunkt pazifistischer Emigranten und Zentrum des Dadaismus wird. Hier verkehren u. a. Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Tristan Tzara.
Das Gedicht «Totentanz 1916» erscheint in der Zeitschrift «Revoluzzer».
18. April: Ball erfindet «Dada» als Namen einer geplanten Zeitschrift. Im Vorwort zu der von Ball herausgegebenen Sammlung «Cabaret Voltaire» macht er wenig später den Namen publik.
23. Juni: Ball trägt seine ersten Lautgedichte «Verse ohne Worte» im «kubistischen Kostüm» vor.
14. Juli: Im Zürcher Zunfthaus findet der «I. Dada- Abend» statt, bei dem Ball «Das erste dadistische Manifest» verliest, mit dem er sich vom Dadaismus lossagt.
Ende Juli: Erster Rückzug ins Tessin (bis Oktober). Freundschaft mit Leonhard Frank.
Ende Oktober-November: Rückkehr nach Zürich und Reise nach Ermatingen gemeinsam mit Leonhard Frank.
Ende November: Rückkehr nach Zürich, wohin auch Emmy Hennings übersiedelt.

1917
Ball gerät zwischen die Fronten der innerhalb der Zürcher Emigrantenszene aufbrechenden Gegensätze
17. März: Ball gründet gemeinsam mit Tristan Tzara die «Galerie Dada» in Zürich.
27. Mai: Aufgrund organisatorischer und finanzieller Schwierigkeiten sowie wachsender Spannungen mit Tzara beendet Ball seine Tätigkeit in der «Galerie Dada», die aufgelöst wird.
August: Übersiedlung nach Ascona.
September: Übersiedlung nach Bern. Ball verfasst zahlreiche Beiträge für die Berner «Freie Zeitung» und wird 1918 Mitglied der Redaktion (bis 1920).
Herbst: Freundschaft mit Ernst Bloch.

1918
April: Der Roman «Flametti oder Vom Dandysmus der Armen» erscheint mit einer Widmung an Emmy Hennings.
August: Ball wird literarischer Leiter des neugegründeten Freien Verlags in Bern, in dem er den «Almanach der Freien Zeitung 1917-1918» herausgibt.

1919
Januar: «Zur Kritik der deutschen Intelligenz».
Enge Kontakte zu Walter Benjamin, der in Bern promoviert und im Nachbarhaus von Ball wohnt.
1. März: In seinem Artikel «An unsere Freunde und Kameraden» zieht Ball eine Bilanz der Novemberrevolution.
Anfang März - Anfang April: Zum ersten Mal seit Kriegsende besucht Ball Deutschland. Reise nach München, Frankfurt am Main, Mannheim.
Ende April - Ende Mai: Zweite Deutschlandreise, u. a. nach Berlin und München.
Juli-August: Aufenthalt in Melide am Luganer See.
September: Kontakt zu Rudolf Grossmann (Pierre Ramus).
Jahresende: Der von Ball geleitete Freie Verlag gerät in wachsende finanzielle Schwierigkeiten.

1920
21. Februar: Eheschliessung mit Emmy Hennings in Bern.
März: Übersiedlung nach Berlin.
27. März: Die «Freie Zeitung» stellt ihr Erscheinen ein.
Sommer: Auflösung des Freien Verlags.
Rückwendung zur katholischen Überlieferung und Glaubenspraxis.
August: Rückkehr in die Schweiz und Ansiedlung im Dorf Agnuzzo am Luganer See.
Dezember: Erste Begegnung mit Hermann Hesse.

1921
Oktober: Übersiedlung nach München.

1922
Begegnung mit Hans Arp und Johannes R. Becher.
Oktober: Wiedereinzug in Agnuzzo.

1923
«Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenlegenden» (Schriften).
30. August: Tod der Mutter in Pirmasens.

1924
«Carl Schmitts Politische Theologie» (Aufsatz).
Oktober: Übersiedlung nach Rom.
Im Zusammenhang mit einem Buchprojekt studiert Ball die Psychoanalyse in einem italienischen Laboratorium.

1925
März: Umzug nach Vietri Marina bei Salerno.
Mai: Bezug eines Hauses in Albori bei Salerno.
Studium der Schriften von C. G. Jung.
Dezember: Umzug nach Vietri sul Mare.

1926
Mai: Rückkehr ins Tessin und Einzug in die Casa Schori in Lugano-Sorengo.

1927
«Die Flucht aus der Zeit» (Autobiographie, basierend auf Balls Tagebüchern der Jahre 1913 bis 1921).
«Hermann Hesse. Sein Leben und Werk» (Monographie).
14. September: Nach einer erfolglosen Operation stirbt Ball in Sant' Abbondio bei Lugano an Magenkrebs.

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